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Voll - Wert

Andacht zum Mitnehmen
Im Kirchspiel Cappel-Beltershausen für den 6. Sonntag nach Trinitatis am 19.07.2020

WERT – Was ist das?

Wenn ich das Wort Wert höre, denke ich an Geld, an den Wert eines Hauses, oder eines Autos, an Wertanlagen oder die Bank. Mir fällt auf, dass ich manchmal erst, wenn mir etwas fehlt, merke, welchen Wert es für mich hat. Z.B. wenn ich vor meiner Haustür stehe und meinen Schlüssel nicht finde. Dann merke ich, wie viel Wert mein Schlüssel für mich hat. Auch wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich gerne habe - mit meiner Familie oder meinen Freunden - merke ich oft erst wenn ich wieder zu Hause bin, wie viel Wert diese Menschen für mich haben.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, hat das Wort WERT für mich auch noch eine innere Dimension. Wie oft beschäftigt mich die Frage: Was macht meinen Wert aus? Mein Aussehen? Meine sportlichen Leistungen? Meine musikalischen, mathematischen, künstlerischen Fähigkeiten? Disziplin? Besser zu sein als die Anderen? Anerkennung zu bekommen? - Was steht bei Ihnen an dieser Stelle?

Was passiert, wenn ich Dinge, über die ich mich definiere, auf einmal nicht mehr kann? Vielleicht weil ich mich verletzt habe und nicht mehr laufen kann oder weil mir Schwieriges begegnet ist und mir Kraft raubt. Weil jemand anderes gekommen ist, der es besser kann oder weil sich mein Umfeld geändert hat und ich mich noch darauf einstellen muss. Weil es mir schwerfällt, mich auf Veränderungen einzulassen. Was passiert dann mit mir?

Ich bin dann ziemlich aufgeschmissen. Die Dinge, die mir scheinbar Wert geben, sind nicht mehr sicher. Das beginnt schon wenn ich mein Handy verlege. „Ich kann niemanden mehr anrufen, keine Nachrichten mehr empfangen und keine Dinge mehr nachschauen“. Schon diese kleinen Dinge verunsichern mich und bringen meine Sicherheiten ins Wanken und damit auch meinen eigenen Wert. Wenn sich große Dinge verändern, Menschen aus meinem Leben treten, meine Arbeitsstelle wegfällt oder sich ändert, dann wird die Unsicherheit deutlich größer und mein Wert schwankt stärker.

Wenn man an das Wort WERT noch das Wort VOLL anfügt, entsteht das Wort WERTVOLL.

Wenn ich über das Wort VOLL nachdenke, denke ich an ein volles Wasserglas, an einen Tag voll mit Freude, an genug und zufrieden sein. Ich denke an die Natur, die so voller Wunder ist. Gerade hier begegnet mir das Wort VOLL besonders oft. Es weckt meistens angenehme Gefühle in mir: es ist voller WERT.

Gott sagt über uns Menschen, dass wir WERTVOLL sind. Wir sind wertvoll für ihn. Voll, ganz voll mit Wert. Voll mit etwas von dem wir so oft denken, wir haben es nicht? Wir SIND voll Wert. Wir müssen nicht erst etwas erreichen, besser, schneller oder effektiver werden. Wir verlieren unseren Wert nicht, wenn wir unsere Arbeitsstelle, unsere Freunde, unsere Fähigkeiten verlieren. Nein, nichts macht uns wertvoll. Wir sind wertvoll, so wie wir gemacht sind. Auch wenn ich mich nicht immer so fühle, in Gottes Augen ist unser Leben wertvoll. Sichtbar wird das für mich in der Geschichte vom verlorenen Schaf in Lukas 15,4-7. Das Leben des Schafs ist für Gott so wertvoll, dass er alle anderen zurücklässt und es suchen geht.

Sie und ich - wir sind wertvoll. Einfach weil wir sind.

Lily Schunk Gemeindepraktikantin im Juli


Glaube schützt - wie eine Sonnenbrille

Andacht zum Mitnehmen
im Kirchenspiel Cappel-Beltershausen für Anfang Juli 2020

Schwer genießbar

Wir Fleißigen, Streng-Erzogenen, Ernsten, wir wollen immer alles richtig machen und es gleich erledigen. Löblich. Aber der Nachteil: Das macht uns für unsere Mitmenschen manchmal schwer genießbar und für uns selbst das Leben anstrengend. Deshalb ein Tipp: …

Brille auf!

Sie gehören nicht zu den Fleißig-Streng-Erzogenen? Haben Sie aber vielleicht ähnliche Seiten hier und da in sich? Jedenfalls – ich möchte allen, für die es passt, eine Brille empfehlen, so wie man sich im Hochsommer einer Sonnenbrille bedient. Die filtert zu grelle Lichtstrahlen heraus. Der Glaube, sozusagen aufgesetzt wie eine Brille, filtert eine Zumutung heraus:

Die Zumutung, dass wir uns unser Glück selber verdienen müssen.

Ulrike lässt es sich gut gehen

Ulrike geht noch mal zurück um Auto. Das Licht ist heute so hell! Dauernd muss sie die Augen zusammenkneifen. Ihre Gesichtsmuskeln sind schon ganz verkrampft. Da braucht sie ihre Sonnenbrille. Nun kramt sie im Auto; hier, Seitentür, da ist sie. Sauber? Na, mag gehen. Klack, die Schlösser schnappen zum, sie macht sich wieder auf den Weg. Schön, die paar Meter Pfad mit dem grauen Basaltsplitt. Unter ihren Sohlen knirscht er leise. Sie liebt diese schmalen, kleinen Wege, und wenn sie sich schlängeln, statt nur geradeaus zu führen. Noch ein Stückchen zu gehen und sie hat die grüne Bank wieder erreicht. Nun lässt sie sich darauf nieder.

Schöner Ausblick! Links der Frauenberg mit seinem runden Küppel, hellgrau schließen sich die Lahnberge an, kleine weiße Quader zwischen den Bäumen lugen hervor, das sind die Gebäude der Universität. Noch weiter drüben ragt der Turm des Heizwerkes auf. Davor strecken sich die Felder rund um Großseelheim; blond neben dem Grün, das sind die Gerstenfelder; wie dunkle Augen liegen dazwischen die Baggerseen um Niederwald. Jetzt kann sie entspannt auf das alles schauen.

Ha! - Ulrike zuckt, ein Schatten springt über sie, über die Büsche. Ruck, wendet sie den Kopf nach oben: ein Segelflieger. Ach so. Kein Grund, zu erschrecken. Der dreht jetzt eine scharfe Kurve, hell gleißend fällt von den Flügelkanten das gespiegelte Sonnenlicht zurück. Dann verschwindet er hinter ihrem Rücken. Sie wendet den Blick wieder nach vorn, schweift, träumt in die Landschaft.

Was tut der Seele gut?

Sonnenbrillen filtern zu grelles Licht. Der Glaube filtert die Zumutung heraus: Das wir uns unser Glück selber machen müssen.

Ulrike lässt es sich gut gehen. Lassen wir uns Freude machen, von Menschen, von Geschöpfen, von Gott. Sicher müssen wir auch was tun für unser Wohlergehen. Aber bei den Seelen ist es bestimmt so: Die Seelen nährt Gott.

Aus dem Psalter

Herr, deine Güte reicht,
soweit der Himmel ist,
und deine Wahrheit,
soweit die Wolken gehen.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben.
Sie werden satt von reichen Gütern deines Hauses
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens
und in deinem Licht
sehen wir das Licht.

W. Glänzer, Pfarrer

 

In der Liebe

Andacht zum Mitnehmen im Kirchenspiel Cappel-Beltershausen für Ende Juni 2020

Wer das Wort „Gott“ ausspricht, hat das Wort „Beziehung“ schon mit ausgesprochen.

Wer das Wort „Gott“ denkt, hat das Wort „Gemeinschaft“ schon mitgedacht.

Wer an Gott denkt, denkt „Zuneigung“.

Gott – dreifaltig ?

Warum stellen wir uns im Christentum Gott vor als Dreieinigkeit, Dreifaltigkeit? Als Vater, Sohn, Heiligen Geist; als Schöpfer, Christus, Geist? Unsere Nachbar- Religionen, Judentum und Islam, halten uns vor, wir täten damit Gottes Würde Abbruch. Gott ist der eine Schöpfer, der eine Herr. Mehrere Personen – das widerspreche seiner Größe und Majestät.

Warum ist unsere Rede trotzdem sinnvoll? Ich finde vor allem eines daran gut. In unserer Vorstellung ist Gott in seinem innersten Wesen Beziehung. Gott ist schon in sich Gemeinschaft. Gott ist Wort, so hören wir oft in der Bibel. Und Wort heißt: Rede, Antwort, Hören. Gott ist - Zuneigung!

Natürlich ist er nur EIN Gott, aber der ist von Anfang an schon immer Beziehung.

4:30 Uhr. Aufgeschreckt.

Vier Uhr dreißig? Ja, so viel Uhr könnte es ungefähr sein, denkt Jürgen. Das Tageslicht fällt schon durch die Ritzen des Rollladens. Kräftig pfeifen die Vögel draußen. Jürgen ist aus dem Schlaf aufgeschreckt. Er versucht sich selbst zu beruhigen. Er hört in sich hinein; auf seinen Puls lauscht er. Läuft der wieder so flach und schnell? Zu schnell? Mehrere Morgen nacheinander ist er so aufgeschreckt. Erst eilte der Puls, dann ließ er nach. Jürgen hatte vor zehn Jahren eine Herzerkrankung. Kehrt sie wieder? Ruhig muss ich bleiben, sagt er sich. Zieht die Decke bis zu den Ohren, schwitzt, … seliger Schlummer … Vergessen … er schrickt wieder auf. Nächstes Jahr wird er 60. Was ist mit ihm?

Ich bin ein Gefäß voller Angst, denkt Jürgen. Wie ein Gefäß voller Angst. Wenn die doch wegginge.

Was können wir Jürgen raten? Gut, ist es, Jürgen, wenn du erkennst: Es handelt sich um Angst. Was wir benennen, hat schon etwas weniger Macht über uns. Aber nun raten wir dir: So wie du den Satz vom Gefäß wiederholst, wiederhole doch etwas anderes. Könntest du dir stattdessen sagen: Gott hat mich lieb? Deshalb darf ich auch mich selber lieb haben? Gott hat mich lieb, morgens, wenn ich mich ängstige, und wenn es besser läuft, am Abend. Gott hat mich lieb, egal, ob meine Sorgen begründet sind oder – meine Umgebung sagt – „eingebildet“. Gott hat mich lieb. Drum darf ich es auch.

 

Liebe Leserinnen und Leser, wer „Gott“ sagt, hat „Zuneigung“ schon mit gesagt.

So sagt es Psalm 145, Vers 8 + 9:
Der Lebendige ist gnädig und barmherzig, voll Langmut und reich an Liebe. Der Lebendige ist gut gegen alle, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.
Amen.
W. Glänzer, Pfarrer


Vorstellung Pfarrer Wischnewski

Liebe Cappeler, liebe Ronhäuser, liebe Bortshäuser und liebe Beltershäuser,

ich bin neu hier, Micha Wischnewski mein Name und ich arbeite seit Mai als Pfarrer im Gespann von Pfarrer Glänzer und Pfarrerin Zeeden. Ursprünglich war ich als Vakanzvertretung für Wolf Glänzer gedacht, der aber seine Sabbatzeit wegen der besonderen Situation in der Coronakrise verschiebt. Nun freue ich mich, dass ich dennoch mit vielen Aufgaben betraut bin und das nächste halbe Jahr hier mitwirken werde. Zu meinen Aufgaben gehört der Konfirmandenunterricht, das Halten von Gottesdiensten, Kasualien wie Beerdigungen, Taufen und Trauungen und vieles mehr. Ich freue mich hier zu sein, denn Stimmung und Atmosphäre in der Gemeinde sprechen mich sehr an. Zuvor war ich mit einer halben Stelle an der Lutherischen Pfarrkirche in Marburg tätig.

Was mir am Glauben wichtig ist

Für mich ist Gott nichts Fernes, sondern Gott finden wir in uns. Ich glaube, dass wir mit unserer Seele, unserem Herzen immer mit Gott verbunden sind und deshalb können wir Gott/das Göttliche auch in uns finden. Um dies wahrzunehmen, kann Stille helfen, damit sich das gedankliche Gewirr des Alltags lichtet und wir auf das hören, was sich in unseren Herzen, in unserer Seele regt.

Und so kann Glaube/Spiritualität uns zu dem führen, was in unserem Leben wesentlich ist. Wir kommen bei uns selbst an und kommen damit wieder in Einklang mit uns.

Als Pfarrer möchte ich Räume schaffen, in denen Menschen die Möglichkeit haben, mit dieser Dimension des Lebens in Berührung zu kommen.

Die Meditative Andacht, die ich nach wie vor in der Lutherischen Pfarrkirche alle zwei Monate veranstalte, ist so etwas: Ein besinnlicher Gottesdienst mit Liedern aus Taizé, Stille und Kerzenschein (26.06. 20:00 Uhr/ Lutherische Pfarrkirche). In Cappel beginnt nun ein „Gesprächskreis Spiritualität“, dieser trifft sich alle 5-6 Wochen, das nächste Mal am 18.06. um 19:30 Uhr im Paul-Gerhard-Haus.

Für Menschen, die sich Gott in der Natur besonders nah fühlen, werde ich am 06.06. von 13-18 Uhr eine Tagesseminar im Marburger Wald anbieten.
Das Seminar heißt: „Schöpfungsspiritualität - Der Wald ist meine Kirche“.

Wenn Sie Interesse an einem dieser Angebote haben, dann schreiben Sie mir doch gerne oder rufen Sie mich an: michael.wischnewski@ekkw.de, 06424 9298934.

Von Ostfriesland nach Marburg

Geboren bin ich 1980 an der Küste von Ostfriesland. Viele von Ihnen werden die Stadt Norden mit ihrem Hafen Norddeich-Mole kennen. Von dort fahren Sie mit der Fähre auf die Ostfriesischen Inseln.

Zum Studium hat es mich nach Marburg verschlagen. Zunächst habe ich ein Studium für das gymnasiale Lehramt in den Fächern Sport und ev. Religion abgeschlossen, bevor ich mich entschied noch auf Pfarramt zu studieren. Mein Vikariat habe ich auch in Marburg in der Lukas- und Paulusgemeinde absolviert. Seit 2018 war ich an der Lutherischen Pfarrkirche und nun bin ich bei Ihnen. Ab Oktober werde ich dann Pfarrerin Krautheim, die sich in Elternzeit befindet, in Rauischholzhausen vertreten.

Nun freue ich mich auf das, was mich hier in Cappel, Beltershausen, Ronhausen und Bortshausen erwartet.

Vielleicht lernen wir uns einmal persönlich kennen, ich würde mich freuen!

Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute und Gottes Segen!

Ihr Pfarrer Micha Wischnewski


31.Mai 2020

Grenzen überwinden

Theresia Zeeden

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. (Apostelgeschichte 2, 1-2)

Ein Brausen, ein gewaltiger Lufthauch – das kann gefährlich sein.
Wenn die Luft um uns gefüllt ist mit Tröpfchen – das kann ansteckend sein. Halte Abstand, komm mir nicht zu nah!
Es liegt mehr in der Luft als Gefahr.
Nämlich die Angst. Die kennt Gertrud, die Dame vom Seniorenheim nur zu gut.
Sie dringt schon tief in sie ein. Auch Angst ist ansteckend. Jede beargwöhnt die andere, ob sie sich auch an die Abstandsregeln hält.
Im Supermarkt geht unsere Dame möglichst schnell an andern vorbei. Manche Menschen gehen ihr mit den Augen aus dem Weg. Oder haben sie Gertrud etwa hinter der Maske gar nicht erkannt?
Wie lange soll das so bleiben? fragt sie sich.
Wie halte ich, wie halten das die Kinder aus, ohne Schaden zu nehmen? Menschen voneinander zu trennen, das ist grausam, findet sie.
Wochenlang die Enkelin nicht zu sehen, das tut weh.

Sie blättert in der Bibel, die sie sich heute vom Nachttisch auf den Küchentisch gelegt hat. Neben Butterdose, Zwiebeln und Tomaten liegt sie da. Sie passt auf, dass sie keine Fettflecken bekommt.
Heute ist Pfingsten, und deshalb möchte sie lesen, was da passiert ist. Nach einigem Suchen findet sie die Stelle in der Apostelgeschichte. Sie liest im 2.Kapitel:

Alle wurden erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. (Vers 4)

Ein Glück! Gertrud atmet auf. Da sind sie alle zusammen. Nicht aufgeteilt nach 1,5m Abstand. Kein Mund-Nasen-schutz! Alle werden erfüllt vom Geist. Männer und Frauen, Alte und Junge. Schließlich gehören alle zusammen. Sie sind verbunden miteinander, weil sie Christus nachgefolgt sind, weil er ihnen jetzt fehlt.
Sie stellt sich vor, wie es damals wohl war. Wahrscheinlich haben die Jüngerinnen und Jünger erst auch Angst gehabt. Ob sie deshalb alle in einem Haus waren? Sich nicht raus trauten? Sie erinnert sich, dass zu Beginn des Christentums Christen verfolgt wurden. Mancherorts bis heute verfolgt werden. Also gar nicht dumm, dass die Jünger sich versteckt haben.
Verrückt, sagt sie zu sich selbst, das ist ja so ähnlich wie heute. Wo sich die Menschen, die man „Gefährdete“ nennt, auch nicht mehr aus dem Haus trauen.
Aber dann ist Bewegung in sie gekommen. Es ist nicht geblieben beim Brausen des Windes drinnen im Haus. Nein, der Geist Gotts ist über sie gekommen. Und draußen entsetzen sich die Menschen, weil passiert, was nicht sein kann:
Sie hören, sie verstehen die Jünger. Jeder hört sie in seiner Muttersprache reden.
Der Funke springt über in Jerusalem, in dieser multikulturellen Stadt: Kretern und Ägyptern, Medern und Elamitern, Menschen aus Phrygien und Pamphylien, sie lauschen den Jüngern.

Was vorher unmöglich war, plötzlich gelingt es den Jesus-Anhängern: sie sind nicht mehr von Angst bestimmt.
Sondern vom Heiligen Geist.
Was der ihnen einflüstert?
Geht nach draußen.
Sprecht mit Menschen, von denen ihr denkt: Mit denen haben wir gar nichts zu tun. Die sind uns fremd und wir sind ihnen fremd.

Für Gottes Geist es geht um alle Menschen. Da gibt es keine Grenzen mehr. Sprachgrenzen lösen sich auf, kulturelle Unterschiede machen neugierig, und Andersartigkeit bereichert.
Gertrud denkt an ihren Nachbarn aus Eriträa. Wie er sie angesprochen hat vor einem Jahr. Wie er mit Freunden im Garten saß und sie dazu eingeladen hat. Zu eriträischem Essen. Mit der Sprache hat es zwar noch gehapert – aber das freundliche Lächeln war bezaubernd.

Der Hl. Geist verbindet auch das Alte und das Neue Testament. Petrus zitiert in seine Pfingstrede den Propheten Joel:

Es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. (Vers 17-18)

Unsere Söhne und Töchter sollen weise sein.

Sie sagen es uns längst: Wir leben auf dem einen Globus zusammen. Da gibt es keine Grenzen mehr. Gerade jetzt ist die Zeit, zu teilen, was da ist. Gott verbindet alles, was lebt auf dieser einen Erde. Der Heilige Geist führt uns alle zusammen.


Gedanken zum Sonntag
Exaudi

24.05.2020

Geh aus, mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie dir und mir
sich ausgeschmücket haben.

 

Die Amsel weckt mich morgens, abends erfreut sie mich mit ihrem Abendlied. Meisen laben sich am Nektar des Flieders, der in voller Blüte steht, üppig blühen die Rhododendren, der Goldregen verströmt sich, Narzissen und Tulpen haben unser Herz schon erfreut...

Da finde ich mich wieder in den Versen des Liederdichters Paul Gerhard, der in insgesamt 15 Strophen kunstvoll die sommerliche Natur betrachtet und ihre Schönheit bewundert.

Er preist die Natur aus vollem Herzen - geradezu überschwenglich beschreibt er Gottes schöne Natur.
Alles, was er sieht, wird in allen Einzelheiten beschrieben, Gottes Schöpfung in ihrer irdischen Schönheit: erst die Pflanzenwelt, Bäume, Narzissen und Tulpen. Dann die Tiere in freier Wildbahn, Lerche, Taube, Nachtigall, Storch und Schwalbe, Hirsch und Reh. Dann kommt der Mensch hinzu, der von den Gaben der Natur lebt, von Schafen und Bienen, von Wein und Weizen. Und alles das ist für ihn Gottes Gabe.

Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide.
Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Die unverdrossne Bienenschar fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

Der Weizen wächset mit Gewalt; darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des , der so überfließend labt und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte.

Die Coronapandemie spricht da eine ganz andere Sprache:
Weltweit fast hunderttausend Todesopfer und täglich kommen unzählige hinzu. Dann die schwerwiegenden Folgen, die noch gar nicht abzusehen sind und die viele Menschen verunsichern und ihnen Angst machen.
Wie können wir mit solchen Widersprüchen leben?
Können wir da überhaupt aus vollem Herzen in Paul Gerhards Lob mit einstimmen?

In gewisser Weise sind wir in der gleichen Situation wie damals Paul Gerhard. Er hat die Schrecken des 30-jährigen Krieges erlebt, er hat seine Frau und 4 Kinder bis auf einen Sohn verloren, hat erlebt, wie Pest und Pocken die Hälfte der Bevölkerung hinweggerafft hatten.

Auch sein Bruder stirbt an der Pest. Und diese Schrecken, die er erlebt hat, klingen durchaus auch in den anderen Strophen an. Da ist die Rede vom Joch des Leibes und der Sehnsucht nach dem Himmelszelt, dem Paradies, nach einer besseren Welt.

Das Faszinierende aber ist, dass Paul Gerhard trotz allem ein glücklicher Mensch gewesen sein muss. Es überwiegt ein positiver Grundton, der in allen Strophen durchschimmert und sein tiefes Gottvertrauen offenbart.

Wenn wir im Augenblick die erwachende Natur erleben, das Grün der Wälder, die Blumenpracht in unseren Gärten - haben wir dann nicht allen Grund, auch und trotz allem dankbar zu sein?

Mögen auch wir uns ein wenig von Paul Gerhards Lied, von seiner Freude an der Natur, und von seinem Gottvertrauen anrühren lassen.

Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

Wir gehen in diesen Sonntag auch mit Dankbarkeit. Wir sind dankbar für die üppige Natur. Dankbar auch für all die Menschen, die in dieser schweren Zeit für andere da sind, Ärzte, Krankenschwestern, Wissenschaftler, die bis zur Erschöpfung arbeiten, Politiker, die schwere Entscheidungen treffen müssen. Wir bitten für alle, die krank sind, für die, die Angst haben, die alleine und einsam sind.
Barmherziger Gott, neige dich zu ihnen und bleibe an ihrer Seite.

Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen!
Margrit Walter

Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Mt 6,26.28-30


Gedanken zum Sonntag

Wenn das Leben Dir eine Zitrone schenkt

Manchmal hat das Leben Überraschungen parat, die uns gar nicht schmecken. Wie ganz aktuell die Coronavirus-Krise. Plötzlich ist das Leben anders. Aber auch Krankheit, der Verlust der Arbeitsstelle, oder der Tod von geliebten Menschen kann das Leben, das gerade noch so schön war, dramatisch verändern. Wie geht man damit um?

Wie kann man schwierige Situationen bewältigen?

Eine Antwort gibt die Geschichte von David, nachzulesen in der Bibel im Alten Testament, 1. Buch Samuel, Kapitel 30.

Ich fasse die Geschichte kurz zusammen:
David ist auf Erfolgskurs. Mit seinen 600 Soldaten hat er seit Monaten jede Schlacht gewonnen. Nun, nach drei Monaten Krieg freuen sich alle auf ihre Familien. Als sie sich ihrer Heimatstadt nähern, sehen sie, dass diese bis zu den Grundmauern niedergebrannt ist. Von ihren Kindern und Frauen fehlt jede Spur. Die Männer schreien vor Schmerz und weinen bitterlich. Sie weinen so lange, bis sie keine Tränen mehr haben. Von diesem Schicksalsschlag erbittert, suchen die Soldaten einen Schuldigen. Sie sind so wütend auf David, ihren Heerführer, dass sie ihn umbringen wollen.

David dagegen reagiert anders. Er zieht sich zurück, wendet sich an Gott und ermutigt sich selbst. Als er wieder Mut gefasst hat, fragt er Gott: Was soll ich tun? Und Gott antwortet ihm.

David und die Soldaten brechen wieder auf, verfolgen ihre Feinde und erobern ihre Frauen und Familien zurück. Alles, was ihnen Ihre Feinde gestohlen hatten, bekommen sie zurück. Und mehr als das. Neben ihren Frauen und Kindern nehmen David und seine Soldaten noch eine fette Kriegsbeute mit.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen?

Vor Gott darf man ehrlich sein. Die Männer haben geweint. Sie haben ihren Schmerz zugelassen und ihn „herausgeweint“. Auch wir können ehrlich sein vor Gott. Wenn wir den Schmerz loslassen, können Mut und Hoffnung wieder einziehen.
Es ist wichtig, nicht zu verbittern. Manche Menschen sind so überwältigt vom Schmerz, dass sie bitter werden. Sie suchen einen Schuldigen oder klagen gar Gott an. In ihrer Verbitterung wollten die Männer in der Geschichte sogar David töten, obwohl er für die Situation gar nicht verantwortlich war.
Wer sich Gott zuwendet, bekommt neuen Mut. David wendet sich Gott zu. Aber das Vertrauen auf den Herrn, seinen Gott, gab ihm Mut, heißt es in der Bibel. David hat sich selbst ermutigt.

Wie kann man wieder Mut fassen?

1. Wie oft hat Gott versorgt, beschützt, geheilt, getröstet? Es hilft, sich daran zu erinnern, was Gott in der Vergangenheit in unserem Leben getan hat. Gott ist derselbe gestern, heute und morgen. Er ändert sich nicht. Deshalb können wir uns auf ihn verlassen. Er ist uns allen in Liebe zugewandt und geht mit uns durch jede schwierige Zeit. Keinem von uns ist er fern.

2. Wenn man darüber nachdenkt, wer Gott ist, dann wird schnell klar, dass es kein Problem gibt, das er nicht bewältigen kann. Schließlich ist er allmächtig. Es gibt immer einen Ausweg. Gott hat einen guten Plan für unsers Leben. Er kann und will uns gerne helfen, weil er uns liebt. Er liebt uns auch dann, wenn wir uns selbst nicht mehr lieben können. Er möchte jeden Menschen von Angst und Schuld befreien und neue Hoffnung geben.
Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig beladen seid, und ich werde euch Frieden geben, sagt Jesus.

Das Gebet ist eine Möglichkeit, Gott nahe zu kommen. Wer selbst keine Worte findet, kann dieses Gebet sprechen:

Jesus, ich verstehe nicht, warum ich gerade so viel Schmerzhaftes erlebe. Ich gebe Dir meine Enttäuschung, meine Wut, meine Bitterkeit. Fülle mich mit Deinem Heiligen Geist, dem Tröster, und lass mich Deine Liebe und Deinen Frieden spüren. Zeige mir den Weg aus dieser Situation. Danke, dass Du mich liebst und Gutes für mich möchtest. Du bist für mich und nicht gegen mich. Ich weiß, dass ich eines Tages wieder glücklich sein werde, wenn ich sehe, wie viel Gutes Du in meinem Leben getan hast. Du Herr, bist ein guter Gott, der seine Kinder liebt. Deshalb vertraue ich Dir. Amen.

Egal, wie es Ihnen gerade geht, es gibt tausend Gründe Gott zu loben und Gott zu vertrauen. Davon spricht auch das Lied 171:

1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns auf unsern Wegen.
Sei Quelle und Brot in Wüstennot,
sei um uns mit deinem Segen,

2. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns in allem Leiden.
Voll Wärme und Licht im Angesicht,
sei nahe in schweren Zeiten,

3. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns vor allem Bösen.
Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft,
sei in uns, uns zu erlösen,

4. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns durch deinen Segen.
Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt,
sei um uns auf unsern Wegen,

Text: Eugen Eckert (1985) 1987

Einen gesegneten Sonntag
Hanna Fett, Frauenberg-Beltershausen


Andacht für Jubilate, den 3. Sonntag nach Ostern,
3. Mai 2020

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!

Eine ältere Frau kauft sich im Schnellrestaurant eines großen Kaufhauses eine Suppe. Sie trägt den dampfenden Teller an einen der Stehtische und hängt ihre Handtasche darunter. Dann geht sie noch einmal zur Theke zurück, um einen Löffel zu holen.

Als sie zurückkehrt, sieht sie an ihrem Tisch einen Schwarzen, offensichtlich einen Ausländer, der da dreist an ihrem Tisch steht und schon ihre Suppe löffelt
„Typisch," denkt sie, „was fällt dem dreisten Mann eigentlich ein?! ”

Sie hält kurz inne, will ihn ansprechen, „aber er kann wahrscheinlich eh kein Deutsch.“ Also stellt sie sich ebenso dreist zu ihm hin und löffelt mit ihrem Löffel aus der gleichen Suppe. Schließlich hat sie sie bezahlt! Sie sprechen kein Wort, der Mann lächelt sie aber an. „Dreister Kerl!", denkt sie sich, „so kann man also auch an sein Essen kommen."

Nach dem Essen holt der Mann für sie beide Kaffee und verabschiedet sich dann höflich, immerhin. Erstaunt bedankt sich die Frau - jetzt auch mit einem Lächeln.

Als sie gehen will, findet sie ihre Handtasche nicht. „Also doch ein hinterhältiger Betrüger! Das hätte man sich ja gleich denken können! ” Mit rotem Gesicht schaut sie sich um. Er ist verschwunden.

Aber am Nachbartisch - sieht sie ihre Handtasche hängen. Und einen Teller Suppe, inzwischen kalt geworden...

nach: Impulse zur Fastenzeit 2010
[zeit-zum-nachdenken@t-online.de]

Welche Gedanken könnten der Frau mit dem roten Kopf hinterher gekommen sein?

„Meine Güte,“ stöhnt da die Frau, völlig erschüttert, „was ist mir da nur passiert?“

Aber ich habe es doch geglaubt, ich war doch im Recht. Ich musste mich doch so fühlen.

Sie schüttelt nachdrücklich den Kopf. „Ich hatte meine Suppe doch bezahlt und war nur noch einmal an die Theke gegangen, um den vergessenen Löffel zu holen. Und da stand dieser fremde Mann an meinem Teller und aß davon. Ein Schwarzer, ein Ausländer! Und nach Deutsch sah er gar nicht aus. Dem hätte ich doch gar nicht klarmachen können, dass er nicht von meinem Teller essen darf. Aber, verflixt, ich hatte ja bezahlt und Hunger hatte ich auch. Also habe ich ebenfalls zugelangt. Und der dreiste Kerl fühlte sich offenbar überhaupt nicht gestört. Er grinste mich sogar an. Klar darf er mit mir vom gleichen Teller
essen! Denkste!.
Und als der leer ist, holt er sich und mir einen Kaffee. Ich kann’s nicht glauben. Und beim Weggehen grinst er wieder freundlich. Pfff., er kann offenbar Deutsch.

Und dann erst der Schreck: Wo ist meine Handtasche? Der Kerl hat sie mitgehen lassen. Seine Freundlichkeit – nur Täuschung. Klar doch: dieser Ausländer wollte nur an mein Geld.

Ja, genau so habe ich das Geschehen erlebt.“

„Aber jetzt im Nachhinein: Oh je, oh je! Jetzt ekle ich mich nur noch vor mir. Ich war ein Knäuel aus allem, was man nicht sein will: Ich sah nur Schwarz, Fremd, Böse. Und war selbst all dies.
Als ich den Farbigen am Tisch gesehen habe, machte es Klack und ich ---total zu. Für mich war er kein Mitmensch, kein Nächster, nicht auf Augenhöhe, nur ein fremdartiger Störenfried und Schmarotzer. Ich hielt ihn – bloß wegen seiner Hautfarbe – für primitiv, ungebildet und unmoralisch, ja kriminell. Und ich fühlte mich als Weiße, Europäerin, Deutsche himmelhoch überlegen. Ein höllischer Irrtum. In meiner Verblendung ü bersah ich meinen eigenen Tisch, belästigte den harmlosen Nachbarn, aß vom fremden Teller und war für seine Freundlichkeit nicht zu erreichen. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, verdächtigte ich ihn als Dieb meiner Handtasche.

Lieber Gott,
vergib mir meine Schuld,
ich war verblendet,
habe gerichtet, wo ich nicht hätte richten dürfen.

Öffne mir Augen, Ohren, Herz und Verstand
für meine Nächsten,
auch wenn sie anders aussehen, sprechen,
vielleicht auch denken und glauben.
Amen.

Matth. 7. 1-3: Richtet nicht,
damit ihr nicht gerichtet werdet.

Denn nach welchem Recht ihr richtet,
werdet ihr gerichtet werden;
und mit welchem Maß ihr messt,
wird euch zugemessen werden.

Was siehst du aber den Splitter
in deines Bruders Auge
und nimmst nicht wahr
den Balken in deinem Auge?

Dr. Klaus Widdra
Kirchenältester in Beltershausen

1. Sonntag nach Ostern

Quasimodogeniti
(„wie die neugeborenen Kinder“)

 
„Fragen“ (Bild von ElisaRiva auf Pixabay)

Wochenspruch für Quasimodogeniti

"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten." | 1. Petr 1,3

Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder

Der 1. Sonntag nach Ostern erinnert an die neue Geburt der Glaubenden: Die Auferstehung hat die Welt verändert, Gottes Liebe ist offenbar geworden, wer diese gute Botschaft annimmt, tritt in eine erneuerte Beziehung zu Gott ein und gleicht „neugeborenen Kindern“. Denn Gott hat uns wiedergeboren … durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Passt das zu unserem Alltag? Da läuft alles scheinbar immer gleich weiter. Was hat sich durch Ostern verändert? Gibt es einen Beweis für den Neuanfang? Diese Frage nimmt das Evangelium des Sonntags auf.

Ostern und Gewissheit

Schon im Kreis der ersten Jünger gab es Zweifel wegen der Auferstehung. Der Jünger Thomas hatte die Erscheinung des Auferstandenen, von der die anderen berichteten, nicht mitbekommen (Joh 20, 24-29). Das hörte sich für ihn alles ziemlich wirr und unglaubwürdig an. Einfach glauben konnte und wollte er nicht.

Thomas steht gleichsam an der Schwelle vom Geschehen der Auferstehung und dem Zeugnis der Zeugen. Wir können in ihm einen von uns sehen, der Ostern nicht dabei war und deshalb auf das Zeugnis der Jünger angewiesen ist. Paulus wird später von 500 Auferstehungszeugen sprechen (1.Kor 15,6), eine überwältigende Zahl.

Jede Gerichtsverhandlung würde mit weit weniger Zeugen auskommen, aber die Botschaft von der Auferstehung ist eben nicht vergleichbar mit Sachverhalten des Alltags bei Unfällen oder Kriminaldelikten. Die Botschaft der Auferstehung sprengt alles, was wir sonst kennen und erleben. Wie Thomas fordern wir mehr.

Jesus erscheint dann für Thomas noch einmal und bekräftigt damit das Zeugnis der anderen Jünger. Thomas wird von einem Schrecken erfasst, weil er in Jesus der heiligen Gegenwart Gottes begegnet. Von so einem „Schrecken“ ist immer wieder im Alten wie im Neuen Testament die Rede in Begegnungen von Menschen mit Gott (Abraham, Mose, Petrus, Paulus).

Die Botschaft für uns

Ein geistliches Erlebnis kann auch uns helfen, in dem unser Alltag verändert wird durch eine Erfahrung Gottes, die uns anrührt und unsere Wirklichkeit verändert. Uns wird die Nähe zu Gott gewiss, manche nennen das Aufschlussmomente, weil wir plötzlich durchblicken und eine neue Wirklichkeit wahrnehmen.

August Herrmann Francke ging es so, als er mitten in einer Predigtvorbereitung unsicher wurde über die bloße Existenz Gottes. Er wird geradezu aus der Bahn geworfen, geht auf die Knie und bittet Gott um Erbarmen– und plötzlich macht er eine ganz neue Erfahrung mit Gott, die sein Leben verändert. Er spricht fortan von seiner Bekehrung. Dieter Henrich, Hans Joas oder Nils Köbel nennen das „Aufschlussmomente“ oder „Evidenzerfahrungen“.

Wo stehen wir? Können wir an so eine Erfahrung zurückblicken, dann dürfen wir uns dankbar erinnern und nach Gott ausrichten. Wir dürfen Gott auch um so einen Aufschlussmoment bitten.

Vielleicht sind wir aber auch in unseren Glauben langsam seit unserer Kindheit hineingewachsen, sind uns der Bedeutung von Gott und Kirche gewiss. Dann dürfen wir auch dafür dankbar sein.

Im Zusammenhang unseres Wochenspruches aus 1.Petrus 1,3f. geht es um die „Prüfung“ der Glaubenden, wie „Gold durch Feuer geläutert wird“, damit „euer Glaube bewährt wird“(1,6-7). Gott hat uns wiedergeboren „zu einer lebendigen Hoffnung, zu einem unvergänglichen … Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch“.

Wir haben der Botschaft von der Auferstehung geglaubt, jetzt stehen wir in Versuchungen und Prüfungen, können den Mitmenschen für unseren Glauben keine Beweise liefern. Wir haben nur das Zeugnis des Neuen Testaments und unsere eigene Glaubensgeschichte.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass unser Erbe unvergänglich ist und bei Gott im Himmel aufbewahrt wird. Darauf dürfen wir fest vertrauen und unser Leben immer neu auf Jesu Vorbild ausrichten.

Gebet

Vater im Himmel, Deine Liebe zu uns ist so einzigartig groß, dass wir sie kaum fassen können. Du hast unser Herz angerührt und uns wiedergeboren zu einem neuen Leben.

Wir danken Dir, Jesus, für Deinen Einsatz für uns, Du sollst das Vorbild meines Lebens sein und bleiben. Dich loben und preisen wir, weil du Leiden und Tod nicht gescheut hast, um uns den Weg zum Vater geöffnet hast.

Gott Heiliger Geist, du bist für uns da und begleitest uns durch unser Leben, du weißt um unsere Unsicherheit und unseren Zweifel, den wir mitunter nur schwer ertragen können. Stärke und erhalte uns unseren Glauben und lass uns sehen, was wir geglaubt haben. Amen.

Lied EG 103

1. Gelobt sei Gott im höchsten Thron/ samt seinem eingebornen Sohn, /der für uns hat genug getan.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2. Des Morgens früh am dritten Tag,/ da noch der Stein am Grabe lag,/ erstand er frei ohn alle Klag.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3. Der Engel sprach:/ Nun fürcht‘ euch nicht; / denn ich weiß wohl, was euch gebricht./ Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4. Er ist erstanden von dem Tod, /hat überwunden alle Not;/ kommt, seht, wo er gelegen hat.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

5. Nun bitten wir dich, Jesu Christ/ weil du von dem Tod erstanden bist/ verleihe, was uns selig ist.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

6. O mache unser Herz bereit,/ damit von Sünden wir befreit/ dir mögen singen allezeit:
Halleluja, Halleluja, Halleluja.
(Michael Weiße 1531)


Liebe Gemeindeglieder in Bortshausen, Cappel und
Ronhausen, liebe Mitarbeiter*innen,

zu Ostern wünschen Pfarrerin Zeeden und ich Ihnen allen Gottes Segen! Unten die aktuellen Angebote unserer Gemeinde.

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Den Ostersegen finden Sie auf Youtube:

Viele Grüße, auch von Pfarrerin Zeeden,
W. Glänzer


Osterandacht für Ostersonntag, 12. April 2020

Er ist erstanden, halleluja, freut euch und singet, halleluja!

An einen alten Brauch anknüpfend, nach dem am Ostermorgen Quellwasser geholt wird, haben T. Zeeden und B. Domes diese Texte verfasst.

Hanna

Es ist noch dunkel. Leise steht Hanna auf. Rasch zieht sie sich an, schleicht durch das Haus, erschrickt, als die Diele knarrt. Die Eltern sollen sie nicht hören.
Vorsichtig holt sie ihre Schuhe aus dem Regal, öffnet die Haustür, setzt sich auf die Treppenstufe vor dem Haus und schlüpft in die Schuhe.
In ihrem Rucksack: zwei große, leere Marmeladengläser.
Hanna ist 15. Dies Jahr hat sie nicht verschlafen. schon letztes Jahr wollte sie Osterwasser holen aus der Quelle im Wald.
Osterwasser – ihre Oma hatte ihr immer wieder davon erzählt, als sie noch ein Kind war. Es hatte so geheimnisvoll geklungen: in der Dunkelheit des Ostermorgens musste man losgehen und durfte auf dem Weg kein Wort reden. Dann würde das Wasser eine magische Kraft erhalten. Kranke würde es stärken, vielleicht sogar heilen.
Die Oma wohnt seit zwei Jahren bei ihnen im Haus. Sie ist auf Hilfe angewiesen; kann nur noch schlecht sehen, nicht mehr weit gehen. Vor allem für die Oma würde sie das Osterwasser holen.
Jetzt ist sie am Fuße des Berges angekommen. Auf halber Höhe ist die Quelle. Hier unten fließt schon ein kleines Bächlein. Eine halbe Stunde würde der Aufstieg dauern.
Hanna schaut sich um. Es ist stockdunkel. Noch nie ist sie alleine durch den dunklen Wald gegangen. Sie spürt, wie sich die Angst in ihr ausbreitet. Doch wieder zurückgehen?
Sie zaudert. Ohne Handy, ohne Taschenlampe, ohne Hilfsmittel muss man das Osterwasser holen.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Diesen Spruch hat ihre Oma öfters gesagt. Jetzt fällt er ihr ein. Außerdem: es ist Ostermorgen.

Was kann ihr da schon passieren!?

Sie geht durch den finsteren Wald, hört das Knacken der Äste, hört, wie die ersten Vögel anfangen zu singen.
Ihr Herz klopft laut, als sie ein Schnauben hört, wie von einem Wildschwein. Hat sie sich das nur eingebildet. Ihr Atem stockt. Sie hört ein Rascheln, das sich zum Glück entfernt und schließlich verliert.
Einmal kommt sie vom Weg ab. Ein Schrecken durchfährt sie. Nur wenige Meter muss sie zurückgehen, da erkennen ihre Füße, dass sie wieder auf dem Weg ist.
Endlich! Die Quelle!
Sie & ouml;ffnet ihren Rucksack, nimmt ein Glas nach dem anderen heraus, füllt es mit Quellwasser. Danach trinkt sie selbst davon, aus der hohlen Hand.
Der Abstieg ist einfacher.
Langsam zieht der Morgen auf mit dem ersten, noch fahlen Licht. Als sie aus dem Wald heraustritt in die Eben, empfängt sie der Himmel mit einem rosa Glanz, der die Wolken leuchten lässt.
Sie hat es geschafft! Tief atmet sie durch. Lässt sich von dem Licht durchfluten.
Christus ist auferstanden.
Sie fühlt es mehr als dass sie es denkt.
Beschwingt läuft sie nach Hause. Die Oma sitzt, dick eingemummelt, auf der Bank vor dem Haus und wartet auf sie.
Schweigend holt Hanna das Osterwasser. Sie trinken davon, jede einen Schluck. Dann sagt die Oma:
Christus ist auferstanden.

Ruth sitzt nah am Wasser. Es ist Mittag. Der Bach rauscht, gurgelt, zwängt sich über grobe Steine vorwärts.
Sein Dröhnen erfüllt den Wiesenplatz im Talgrund. Feine Spritzer kühlen ihre Haut. Sie sitzt einem Felsen gleich, umspült vom Tosen. Hier sein, hören, atmen, hören, atmen, loslassen. Sie fühlt die Lebendigkeit des Wassers, seine Unbeschwertheit. Sie lässt sich mittragen. Ihre Konturen verschwimmen. Sie fühlt sich frei, getragen von Wasserkraft.

Alles in ihr wird Ruhe. Tobendes Wasser spült weg die Gedanken von Bedrängnis, Schmerz, Krankheit und Tod, reiβt mit unversöhnlich Vergangenes und Verzagtheit.

Hoffen auf neues Werden, Auferstehung im hellen Licht. Der Bach tröstet, lindert. Er sucht sich seinen Weg durch Beständigkeit.

Lukasevangelium, Kapitel 24, 1-6a
1 Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.
2 Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab
3 und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.
4 Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern.
5 Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
6 Er ist nicht hier, er ist auferstanden.

Anna genießt das milde Licht des frühen Abends.
Der Fluss hat wenig Wasser, doch das leise Plätschern und beständige Fließen bringen sie zur Ruhe.
Sie liebt diese Auenlandschaft. Weiden hängen tief ihre Äste ins Wasser, Schilfrohre biegen sich im Wind. Im Schatten der Erlenbüsche lagern schwere rund geschliffene Steine, Riesenschildkröten aus der Urzeit gleich. Sie ist dankbar für so viel Schönheit, dankbar, dass sie dies alles sehen, hören, einatmen kann.
Viele Jahrzehnte ihres Lebens sind vergangen, dahingeflossen. Sie hat die Veränderungen in dieser Gegend miterlebt. Breitere Straβen und neue Häuser wurden gebaut und zerstörten immer mehr die ursprüngliche Landschaft. Die bunten Wiesenblumen verschwanden zunehmend und mit ihnen die vielzähligen Schmetterlings -und Insektenarten. Die Bauern klagten über unbeständiges Wetter, unberechenbare Nachtfröste während der Obstbaumblüte, starke Niederschläge mit Hochwasser und Überschwemmungen und im Sommer während Wochen gnadenlose Trockenheit. Das Säen und Ernten war unberechenbar geworden. Anna erlebte dies selbst jedes Jahr in ihrem Hausgarten. Sie versuchte sparsam mit dem Wasser umzugehen, Brauchwasser einzufangen und an die durstigen Pflanzen zu verteilen. Aber den ganzen Garten konnte sie nicht bewässern. Mit den Jahren würden nur die trocken liebenden Pflanzen überleben.
Sie erinnert sich an ihre Kindertage im Gebirge. Sie liebte das Wandern entlang der Gebirgsbäche, wenn die perlende Gischt das Tal kühlte und vom Hang glitzernde Tropfen über Moospolster rieselten. Sie suchte sich einen eigenen Weg über den Bach. Mit flinken Sprüngen, von Stein zu Stein hüpfend über das sprudelnde Wasser ohne halten. Dies war ihr herausforderndes Spiel mit der Natur. Heute ist solche Ausgelassenheit nicht mehr möglich. Sie ist froh, ohne Schmerzen ein kurzes Stück Weg zu gehen. Letztes Jahr in ihrer schweren Krankheit, glaubte sie nicht mehr an Genesung.
Anna erhebt sich langsam, stützt sich auf die Wanderstöcke und geht vorsichtig ein Stück weiter zum Wehr. Jetzt kann sie die kauernde Gestalt im Wasser sehen. Mit nackten Füβen steht er im Fluss. Seine gebeugte Haltung gleicht einem Embryo. Seine ausgestreckten Hände über dem Wasser scheinen das Strömen zu beruhigen, zu segnen. Die Skulptur ist ganz eins mit dem Wasser.
Mit diesem Bild im Herzen geht sie nachhause. Sie legt sich zur Ruhe.
Früh am nächsten Morgen erwacht sie, die Vögel besingen den Beginn des neuen Tages. Es ist Ostersonntag. Ob Hanna dies Jahr wieder verschlafen hat?
Sie kleidet sich warm an und setzt sich auf die Gartenbank.
Friede zieht in sie ein. Die Stille und die Wahrheit des Ostergeschehens.
Christus ist auferstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden


Das fand er spannend. Normal zu sein war für ihn nicht besser, als wenn einer aus der Reihe tanzte.

Wenn ein Esel sich störrisch verhalten hat, dann hat der Heiland oft herausgefunden, dass es nicht der Esel war, der störrisch ist, sondern dessen Besitzer.

Pfarrerin T.Zeeden für den Sonntag Palmarum 2020
Zeichnung Vladischern Dreamstime.com

Joh. 12, 12-13
Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel.“

Die Eselin

Man nennt mich Selma. Ich bin eine Eselin.
Ein weiches, dunkles Fell und eine samtige Nase habe ich. Ich strahle große Ruhe aus und außerdem bin ich klug.

Kinder mögen mich gerne. Wenn sie mich streicheln dürfen, sind sie ganz zart und wenn sie auf mir reiten, dann jauchzen sie vor Vergnügen.

Eigentlich bin ich ein glückliches Tier. Wenn da nicht diese Vorurteile wären: Esel seien störrisch, dumm und faul. Wenn ein Mensch eine Dummheit begeht, sagt er bisweilen: oh, ich dummer Esel. Das ist unfair! Im Gegenteil, wir sind kluge Tiere. In gefährlichen Situationen sind wir vorsichtig und wägen ab, was zu tun ist. Dafür bleiben wir stehen und nehmen uns Zeit, zu entscheiden, welchen Weg wir gehen: den steilen und kurzen oder den steinigen und ebenen Weg. Das ist Vorsicht und hat mit störrisch nichts zu tun.

Mein Herr ist ein guter Herr. Er kennt mich. Er würde nie sagen, dass ich faul bin. Ich arbeite viel für ihn und er kann sich auf mich verlassen. Es macht mich traurig, wenn schlecht über uns geredet wird.

Einmal, da war mein Herr auf Reisen und ein Fremder wollte mich von der Wiese holen und mit mir fortreiten. Da war ich störrisch. Da hab ich mich gesperrt mit allen Vieren. Keinen Schritt hab ich mich bewegt. Ich halte doch zu meinem Herrn und laufe nicht fort!
Also, so betrachtet, ist es ganz gut, dass wir Esel wissen, was wir wollen und nicht alles tun, was einer von uns verlangt. Mit Abgrenzen haben wir da keine Probleme!
Wer bereit ist, sich in uns Esel reinzufühlen, der wird einen guten Freund in uns finden und treuen Gefährten.
Unter uns Eseln, da erzählt man sich eine alte Geschichte. Ich hab‘ sie von meiner Mutter.
„Selma,“ sagte sie, „weißt du, dass wir ganz besondere Tiere sind?
Vor 2000 Jahren, da ist der Heiland auf uns geritten. Feierlich ist er auf einem Esels-Füllen nach Jerusalem eingezogen.
Palmenzweige haben den Weg gesäumt und das Volk hat gejubelt.“

Für uns Tiere war das Beste dabei, dass er die Tiere mit genauso viel Respekt behandelt hat wie die Menschen. Er hat sich in uns reingefühlt. Wenn ein Esel stehen geblieben ist und nicht weiter wollte, ist er abgestiegen und hat selbst geschaut, woran es liegt. Ob ein Hindernis im Weg lag oder ob der Esel sich verletzt hatte.
Der Heiland hat gefragt, wenn einer anders war, wenn einer anders reagiert hat, als erwartet. Ihn hat das interessiert.

 

„Nachtgott“ © Ari Plikatt


Erschrecken.
Wovor?


„So konnte es ja auch nicht weitergehen!“ Das sagen viele Leute in diesen Tagen. „Erdbeeren im Januar; jährlich drei Flugreisen; alles und jedes muss bestellt werden und morgen vor der Haustür stehn.
Gut, dass das alles mal einen Dämpfer bekommt.“

Soweit stimme ich den Leuten zu. Und überlege weiter. Viele von uns sind ziemlich erschrocken. Ein Virus breitet sich aus, das wir technisch und medizinisch nicht im Griff haben; und dieses bedroht nicht nur wenige, es bedroht viele. Ängste, die es auch sonst gibt, rücken uns näher; Befürchtetes wird wahrscheinlicher als in normalen Zeiten. Drum Erschrecken.

Könnten wir für uns ein heilsames Erschrecken daraus machen? Oder klingt diese Überlegung für Sie nach Ironie, nach Spott? Wenn es aber Sinn hat, darüber nachzudenken: Was könnte der heilsame Nutzen sein?

Sehen wir das Bild an. Ein Mann erschrickt. Er liegt und schläft nicht; oder nicht mehr. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er schaut von dem Ereignis weg, das ihn erschreckt hat. Im Fenster, da, wo er nicht hinsieht, liegt mehr oder weniger gemütlich oder gemütvoll ein anderer. Man erkennt ihn als Gott. Er hat dieses Dreieck über dem Kopf mit einem Auge darin. Dazu der schon sprichwörtliche lange, weiße Bart.

Der Mann im Bett erschrickt. Der Mann im Fenster will aber wohl gar nicht erschrecken. Das erkennt man an dem Kissen, auf dem er seine Arme abstützt. Er schaut so in ein Zimmer, wie wir oft hinausschauen. Das Kissen macht alles gemütlicher und gemütvoller. Was immer aber Gott will mit seinem Blick in das Zimmer, er erreicht nur den Schrecken.

Müssen wir erschrecken, wenn Gott in unsere Zimmer blickt?

Wenn Gott uns anschaut, sieht er uns ja. Gott schaut vermutlich freundlich. Und in diesem freundlichen Blick erkennen wir, dass wir uns womöglich lange nicht mehr mit ihm beschäftigt haben; und wann wir seinen Willen missachtet haben. Wir sind nicht die, die wir sein sollen, häufig jedenfalls – oder? „Der ich sein soll … wieder abgekommen davon …“ Ist es das, wovor dieser Mann erschrickt?

Gott kennt das an uns. Drum liegt er im Bild auf dem Kissen und schaut einfach. Er schaut, damit der Mann sich erkennt. Der Mann, der ja ich sein könnte. Gott schaut ihn an, damit er sich selbst wieder anschaut. So dass er wieder erkennt, wofür er gedacht ist.

Aber als erstes erschrickt der Mann. Doch Gott will ja, dass wir finden. Finden, wofür wir da sind. Deswegen lehnt er so gemütlich wie gemütvoll auf der Fensterbank des offenen Fensters, hingewandt zu dem Mann.

Was wird der tun? Es kann sein: Er dreht sich um, trotz des Schreckens. Und sagt Gott ins Gesicht hinein: Vergib mir. Ich bin so schwach, wie du weißt, dass ich schwach bin. Ich kann aber besser werden, Gott.

Was wird Gott tun? Er wird seine eine Hand ausstrecken und den Mann vorsichtig damit berühren. Dann wird er ihm sagen: Werde, wofür du gedacht bist! Mach dich wieder dran. Ich helfe dir und behüte dich.

Die Bitte darum klingt in den Psalmen so:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Psalm 139, Vers 23 + 24

Amen.

ursprünglich von Pfr. Michael Becker, verändert von Pfr. W. Glänzer für den Sonntag Judika, den 29. März 2020