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Gedanken zum Sonntag

Exaudi

24.05.2020

Geh aus, mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie dir und mir
sich ausgeschmücket haben.

 

Die Amsel weckt mich morgens, abends erfreut sie mich mit ihrem Abendlied. Meisen laben sich am Nektar des Flieders, der in voller Blüte steht, üppig blühen die Rhododendren, der Goldregen verströmt sich, Narzissen und Tulpen haben unser Herz schon erfreut...

Da finde ich mich wieder in den Versen des Liederdichters Paul Gerhard, der in insgesamt 15 Strophen kunstvoll die sommerliche Natur betrachtet und ihre Schönheit bewundert.

Er preist die Natur aus vollem Herzen - geradezu überschwenglich beschreibt er Gottes schöne Natur.
Alles, was er sieht, wird in allen Einzelheiten beschrieben, Gottes Schöpfung in ihrer irdischen Schönheit: erst die Pflanzenwelt, Bäume, Narzissen und Tulpen. Dann die Tiere in freier Wildbahn, Lerche, Taube, Nachtigall, Storch und Schwalbe, Hirsch und Reh. Dann kommt der Mensch hinzu, der von den Gaben der Natur lebt, von Schafen und Bienen, von Wein und Weizen. Und alles das ist für ihn Gottes Gabe.

Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide.
Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Die unverdrossne Bienenschar fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

Der Weizen wächset mit Gewalt; darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des , der so überfließend labt und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte.

Die Coronapandemie spricht da eine ganz andere Sprache:
Weltweit fast hunderttausend Todesopfer und täglich kommen unzählige hinzu. Dann die schwerwiegenden Folgen, die noch gar nicht abzusehen sind und die viele Menschen verunsichern und ihnen Angst machen.
Wie können wir mit solchen Widersprüchen leben?
Können wir da überhaupt aus vollem Herzen in Paul Gerhards Lob mit einstimmen?

In gewisser Weise sind wir in der gleichen Situation wie damals Paul Gerhard. Er hat die Schrecken des 30-jährigen Krieges erlebt, er hat seine Frau und 4 Kinder bis auf einen Sohn verloren, hat erlebt, wie Pest und Pocken die Hälfte der Bevölkerung hinweggerafft hatten.

Auch sein Bruder stirbt an der Pest. Und diese Schrecken, die er erlebt hat, klingen durchaus auch in den anderen Strophen an. Da ist die Rede vom Joch des Leibes und der Sehnsucht nach dem Himmelszelt, dem Paradies, nach einer besseren Welt.

Das Faszinierende aber ist, dass Paul Gerhard trotz allem ein glücklicher Mensch gewesen sein muss. Es überwiegt ein positiver Grundton, der in allen Strophen durchschimmert und sein tiefes Gottvertrauen offenbart.

Wenn wir im Augenblick die erwachende Natur erleben, das Grün der Wälder, die Blumenpracht in unseren Gärten - haben wir dann nicht allen Grund, auch und trotz allem dankbar zu sein?

Mögen auch wir uns ein wenig von Paul Gerhards Lied, von seiner Freude an der Natur, und von seinem Gottvertrauen anrühren lassen.

Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

Wir gehen in diesen Sonntag auch mit Dankbarkeit. Wir sind dankbar für die üppige Natur. Dankbar auch für all die Menschen, die in dieser schweren Zeit für andere da sind, Ärzte, Krankenschwestern, Wissenschaftler, die bis zur Erschöpfung arbeiten, Politiker, die schwere Entscheidungen treffen müssen. Wir bitten für alle, die krank sind, für die, die Angst haben, die alleine und einsam sind.
Barmherziger Gott, neige dich zu ihnen und bleibe an ihrer Seite.

Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen!
Margrit Walter

 

Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Mt 6,26.28-30


Gedanken zum Sonntag

Wenn das Leben Dir eine Zitrone schenkt

Manchmal hat das Leben Überraschungen parat, die uns gar nicht schmecken. Wie ganz aktuell die Coronavirus-Krise. Plötzlich ist das Leben anders. Aber auch Krankheit, der Verlust der Arbeitsstelle, oder der Tod von geliebten Menschen kann das Leben, das gerade noch so schön war, dramatisch verändern. Wie geht man damit um?

Wie kann man schwierige Situationen bewältigen?

Eine Antwort gibt die Geschichte von David, nachzulesen in der Bibel im Alten Testament, 1. Buch Samuel, Kapitel 30.I

Ich fasse die Geschichte kurz zusammen:
David ist auf Erfolgskurs. Mit seinen 600 Soldaten hat er seit Monaten jede Schlacht gewonnen. Nun, nach drei Monaten Krieg freuen sich alle auf ihre Familien. Als sie sich ihrer Heimatstadt nähern, sehen sie, dass diese bis zu den Grundmauern niedergebrannt ist. Von ihren Kindern und Frauen fehlt jede Spur. Die Männer schreien vor Schmerz und weinen bitterlich. Sie weinen so lange, bis sie keine Tränen mehr haben. Von diesem Schicksalsschlag erbittert, suchen die Soldaten einen Schuldigen. Sie sind so wütend auf David, ihren Heerführer, dass sie ihn umbringen wollen.

David dagegen reagiert anders. Er zieht sich zurück, wendet sich an Gott und ermutigt sich selbst. Als er wieder Mut gefasst hat, fragt er Gott: Was soll ich tun? Und Gott antwortet ihm.

David und die Soldaten brechen wieder auf, verfolgen ihre Feinde und erobern ihre Frauen und Familien zurück. Alles, was ihnen Ihre Feinde gestohlen hatten, bekommen sie zurück. Und mehr als das. Neben ihren Frauen und Kindern nehmen David und seine Soldaten noch eine fette Kriegsbeute mit.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen?

Vor Gott darf man ehrlich sein. Die Männer haben geweint. Sie haben ihren Schmerz zugelassen und ihn „herausgeweint“. Auch wir können ehrlich sein vor Gott. Wenn wir den Schmerz loslassen, können Mut und Hoffnung wieder einziehen.
Es ist wichtig, nicht zu verbittern. Manche Menschen sind so überwältigt vom Schmerz, dass sie bitter werden. Sie suchen einen Schuldigen oder klagen gar Gott an. In ihrer Verbitterung wollten die Männer in der Geschichte sogar David töten, obwohl er für die Situation gar nicht verantwortlich war.
Wer sich Gott zuwendet, bekommt neuen Mut. David wendet sich Gott zu. Aber das Vertrauen auf den Herrn, seinen Gott, gab ihm Mut, heißt es in der Bibel. David hat sich selbst ermutigt.

Wie kann man wieder Mut fassen?
1. Wie oft hat Gott versorgt, beschützt, geheilt, getröstet? Es hilft, sich daran zu erinnern, was Gott in der Vergangenheit in unserem Leben getan hat. Gott ist derselbe gestern, heute und morgen. Er ändert sich nicht. Deshalb können wir uns auf ihn verlassen. Er ist uns allen in Liebe zugewandt und geht mit uns durch jede schwierige Zeit. Keinem von uns ist er fern.

2. Wenn man darüber nachdenkt, wer Gott ist, dann wird schnell klar, dass es kein Problem gibt, das er nicht bewältigen kann. Schließlich ist er allmächtig. Es gibt immer einen Ausweg. Gott hat einen guten Plan für unsers Leben. Er kann und will uns gerne helfen, weil er uns liebt. Er liebt uns auch dann, wenn wir uns selbst nicht mehr lieben können. Er möchte jeden Menschen von Angst und Schuld befreien und neue Hoffnung geben.
Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig beladen seid, und ich werde euch Frieden geben, sagt Jesus.

Das Gebet ist eine Möglichkeit, Gott nahe zu kommen. Wer selbst keine Worte findet, kann dieses Gebet sprechen:

Jesus, ich verstehe nicht, warum ich gerade so viel Schmerzhaftes erlebe. Ich gebe Dir meine Enttäuschung, meine Wut, meine Bitterkeit. Fülle mich mit Deinem Heiligen Geist, dem Tröster, und lass mich Deine Liebe und Deinen Frieden spüren. Zeige mir den Weg aus dieser Situation. Danke, dass Du mich liebst und Gutes für mich möchtest. Du bist für mich und nicht gegen mich. Ich weiß, dass ich eines Tages wieder glücklich sein werde, wenn ich sehe, wie viel Gutes Du in meinem Leben getan hast. Du Herr, bist ein guter Gott, der seine Kinder liebt. Deshalb vertraue ich Dir. Amen.

Egal, wie es Ihnen gerade geht, es gibt tausend Gründe Gott zu loben und Gott zu vertrauen. Davon spricht auch das Lied 171

1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns auf unsern Wegen.
Sei Quelle und Brot in Wüstennot,
sei um uns mit deinem Segen,

2. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns in allem Leiden.
Voll Wärme und Licht im Angesicht,
sei nahe in schweren Zeiten,

3. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns vor allem Bösen.
Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft,
sei in uns, uns zu erlösen,

4. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns durch deinen Segen.
Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt,
sei um uns auf unsern Wegen,

Text: Eugen Eckert (1985) 1987

Einen gesegneten Sonntag
Hanna Fett, Frauenberg-Beltershausen


„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn der Herr tut Wunder!“ Psalm 98.1

Wort der Bischöfin zum Sonntag, 10. Mai, Kantate.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

heute, am Sonntag Kantate, dürfen nach 8 Wochen Unterbrechung erstmals wieder Gemeindegottesdienste in unseren Kirchen stattfinden. Viele von Ihnen haben es vermisst, sich sonntags auf den Weg in «Ihre» Kirche zu machen, vertraute Menschen zu treffen und miteinander Gottes Wort zu hören, zu singen und zu beten. Manche haben sich gefreut über die vielen neuen Wege, die wir in den letzten acht Wochen entdeckt haben, um weiter Gottesdienst zu feiern: im Fernsehen, Radio, in Telefonandachten, bei Gottesdiensten im Internet, oder bei Gottesdienst «to go» für Zuhause. Und manche, die sonntags nicht regelmäßig in den Gottesdienst gehen oder den Weg nicht mehr schaffen, haben sich gefreut, auf diesen Wegen mitfeiern und teilhaben zu können. Mitten im Stillstand ist Neues gewachsen.

Die Gottesdienste, die wir jetzt feiern können, werden sich von denen vor dem 15. März unterscheiden: Zwei Meter Sicherheitsabstand, beschränkte Besucherzahl, Maske tragen, kein Handschlag beim Friedensgruß oder beim Abschied an der Tür, Abendmahl nur unter besonderen, sehr strikten Hygienevorschriften. Persönlich finde ich besonders traurig, zumal am Sonntag Kantate, dass wir nicht miteinander singen können. Gemeinsames Singen hat die höchste Ansteckungsgefahr, wie bittere Erfahrungen von Chören in anderen Ländern zeigen. Vieles, was christliche Gemeinschaft spürbar macht, wird weiter nicht möglich sein. Umso mehr bleibt es unsere Aufgabe, dass wir konzentriert aufeinander hören und einander wahrnehmen.

Wir werden uns voraussichtlich noch lange in einer veränderten «Normalität» einrichten und kreative Wege suchen müssen, um «dem Herrn ein neues Lied zu singen». Ich hoffe sehr, dass es gelingt, in den Regionen vielfältige Gottesdienstkonzepte zu entwickeln, die zwei zentrale Anliegen verknüpfen: Niemand wird gesundheitlich gefährdet und möglichst viele hören Gottes frohe Botschaft in analogen und digitalen Gottesdiensten. Darum möchte ich die Verantwortlichen ermuntern, weiterhin kreativ zu sein und Verschiedenes zu kombinieren, ohne das Neue zusätzlich zu allem Bisherigen anzubieten. Vielmehr: Wer eine große Kirche hat, feiert Kurzgottesdienste im Kirchengebäude; wer einen großen Platz oder eine große Wiese und eine gute Lautsprecheranlage hat, feiert Gottesdienste auf dem Klappstuhl im Freien; die dritten feiern miteinander am Telefon und die vierten stellen einen Gottesdienst ins Internet. Nicht alle müssen alles machen.

Darum werden manche Gemeinden warten, bis sie wieder Gottesdienste in Kirchenräumen feiern. Die Situation vor Ort ist unterschiedlich und soll vor Ort verantwortlich entschieden werden. Dazu möchte ich ausdrücklich ermutigen.

Die «neue Normalität» wird uns weiterhin Geduld, Besonnenheit und Durchhaltevermögen abverlangen. Wie Noah in der Arche, so sitzen wir weiterhin und hoffen, dass die Katastrophe vorbeigeht; wir werden Tauben und Raben aussenden und warten, welche Botschaft sie uns bringen. Und das Land wird anders aussehen, wenn die Pandemie vorbei ist. Doch Gottes Bogen leuchtet über uns und sagt uns seinen Segen und Schutz zu. Er verspricht uns: «Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» (Gen 8,22)

Wir haben in den letzten Wochen viel Neues entdeckt und trotz der Unterbrechung vieler kirchlicher Angebote wesentliche Seiten an Kirche mit geschärften Sinnen wahrgenommen. Wir haben gelernt, wie wichtig Sorgenetze in unserer Gesellschaft sind und welche Bedeutung Seelsorge hat, damit niemand ganz allein ist, auch im Sterben nicht. Wir haben Wege gesucht, damit die, denen alles zu viel wird, sich ihren Kummer von der Seele reden können und Trost erleben und damit die, die um ihre Existenz fürchten - bei uns und weltweit - Solidarität erleben. All das wird es weiterhin brauchen. Wir können daran wachsen und entdecken, worauf es ankommt: Den Hunger nach Leben und die Sorge um Leben klug miteinander zu verbinden. Das ist für die Kirche keine völlig neue Herausforderung, wie ein Blick ins Neue Testament zeigt. Darum gilt auch für uns, was Paulus der Gemeinde in Rom schreibt:

«Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet, teilt das, was ihr habt und seid gastfreundlich.» (Röm 12,12f)

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Dr. Beate Hofmann
Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck


Gedanken zum Sonntag „Kantate“

Mitten in der Osterzeit feiern wir den Sonntag „KANTATE“, das heißt zu Deutsch: SINGET!

Der Grund ist klar: Christus ist auferstanden, der Tod behält nicht das letzte Wort in unserem Leben. Neues Leben erwacht an allen Orten. In den schönen Frühlingstagen ist das spürbar mit all unseren Sinnen. Wir werden erinnert daran, dass es Hoffnung gibt und Neuanfänge. Die Natur macht uns das vor.

SINGET! Singen Sie, singt ihr gerne? Oder hört ihr gerne Musik? Ich lasse mich oft in verschiedensten Stimmungen durch Musik stimulieren und berühren. Studien haben das ja belegt, dass Singen wesentlich zur Lebensqualität und Lebenszufriedenheit beiträgt. Musik und Gesang haben belebende, ja heilende Wirkung, sie wirken sogar gegen Schwermut und Depressionen.

Im Alten Testament können wir das schon lesen. 1. Sam. 16, 23, da schafft es der junge David, mit seinem Harfenspiel dem König Saul in seiner Schwermut Erleichterung zu schaffen, so dass die bösen Geister von ihm wichen. Aber, wann ist uns zum Singen zumute? Wenn wir glücklich sind, in Hochstimmung sozusagen? „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, sagt eine alte Volksweisheit. Dann singen oder trällern wir auch schon mal ein Liedchen.

Eigentlich aber gehören andere mit dazu beim Singen. Im Chor oder im Gottesdienst, da lassen wir uns im vielstimmigen Singen anrühren, mittragen und in Schwingungen bringen. Singen kann Balsam für die Seele sein. Und - Singen verbindet! Gerade gemeinsames Einstimmen in ein allen bekanntes Lied kann den Text noch einmal neu erschließen. Gesungene Worte wurzeln sich stärker im Herzen ein.

Verbunden im Singen, das erleben wir gerade in unserer aktuellen schwierigen Zeit immer wieder. Ob die Lieder von Balkon zu Balkon geschmettert werden, aus geöffneten Fenstern in die Stille hinein erklingen. Ob Musiker uns mit Trompeten und anderen Instrumentenaus ihren Wohnzimmern zu uns nach Hause musikalisch beschenken oder uns mit vertonten Texten inspirieren, das alles macht Mut, gibt Hoffnung und Zuversicht. Das will uns auch immer wieder verdeutlichen: Du bist nicht allein, wir gehören alle zusammen! Und vielleicht sollten wir noch hinzufügen: Lasst uns doch endlich erkennen, dass wir aus unserer isolierten, ichbezogenen Haltung zu einem Gemeinschaftsbewusstsein kommen. Zu einer Gemeinschaft, in der wir immer noch besser lernen, uns zu verstehen und gegenseitig zu tragen durch schwierige Zeiten.

Fangen wir vielleicht jetzt an zu begreifen, was Hildegard von Bingen schon vor vielen Jahrhunderten gewusst hat: dass die Beziehungslosigkeit unter den Menschen, der mangelnde humane Umgang mit der Natur und die Bindungslosigkeit zu Gott die Welt ins Chaos treibt.

An dieser Stelle möchte ich meine siebenjährige Enkelin zitieren, die ein Gespräch ihrer Mutter mit einer weinenden Frau mitangehört hatte und später spontan sagte: „Wenn diese Frau traurig ist, dann ist Gott auch traurig. Wenn sie denkt, dass sie Schuld hat, dann fühlt sich Gott auch schuldig. Wenn sie sich freut, freut sich Gott mit ihr. Sie ist doch ein großer Teil von Gott. Menschen, Tiere, Pflanzen und Möbel - wir alle sind Gott. Ohne uns wäre er nicht hier.“ Wo nimmt ein Kind dieses Wissen her? Sollten es gerade Kinder sein, die, ihrer inneren Stimme folgend, uns aufrütteln, um die wirklichen Werte im Leben wieder neu zu entdecken? Folgt man dieser kindlichen Logik, macht es vielleicht Sinn, darüber nachzudenken, dass Gott auch in einem Virus zu uns kommt. Um richtig verstanden zu werden: Gott will die Toten nicht, keinen und keine. Er hat das Virus nicht geschickt. Aber dass wir neu anfangen nachzudenken, ist sicher in seinem Sinn. Nachzudenken, wobei oder wozu uns diese Krise auch helfen könnte?

Nämlich unser Herz zu öffnen für das, was im Leben vor allem wichtig ist? Für die Liebe, die uns in Jesus Christus begegnet ist, von der wir leben, um sie mit allen zu teilen.Lassen Sie uns, wo immer wir gerade sind, das Lied von Pfarrer Jochen Rieß lesen oder auch singen: EG 634

Die Erde ist des Herrn,
geliehen ist der Stern, auf dem wir leben.
Drum sei zum Dienst bereit,
gestundet ist die Zeit, die uns gegeben.

Gebrauche deine Kraft.
Denn wer was Neues schafft, der lässt uns hoffen.
Vertraue auf den Geist,
der in die Zukunft weist. Gott hält sie offen.

Geh auf den Andern zu.
Zum Ich gehört ein Du, um Wir zu sagen.
Leg deine Rüstung ab.
Weil Gott uns Frieden gab, kannst du ihn wagen.

Verlier nicht die Geduld.
Inmitten aller Schuld ist Gott am Werke.
Denn der in Jesus Christ
ein Mensch geworden ist, bleibt unsere Stärke.

Wir gehen in diesen Sonntag „KANTATE“ auch mit unseren Gedanken zu den Menschen, denen Leid und Sorge den Mund verschlossen haben, die nicht singen, sondern nur seufzen können. Die mutlos, einsam, krank und traurig sind. Wir bitten: Barmherziger Gott, sei bei ihnen und lass sie wieder mit einstimmen in das Lied des Glaubens und der Hoffnung.

Einen gesegneten Sonntag
Erika Maria Berger


Andacht für Jubilate, den 3. Sonntag nach Ostern,
3. Mai 2020

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!

Eine ältere Frau kauft sich im Schnellrestaurant eines großen Kaufhauses eine Suppe. Sie trägt den dampfenden Teller an einen der Stehtische und hängt ihre Handtasche darunter. Dann geht sie noch einmal zur Theke zurück, um einen Löffel zu holen.

Als sie zurückkehrt, sieht sie an ihrem Tisch einen Schwarzen, offensichtlich einen Ausländer, der da dreist an ihrem Tisch steht und schon ihre Suppe löffelt
„Typisch," denkt sie, „was fällt dem dreisten Mann eigentlich ein?! ”

Sie hält kurz inne, will ihn ansprechen, „aber er kann wahrscheinlich eh kein Deutsch.“ Also stellt sie sich ebenso dreist zu ihm hin und löffelt mit ihrem Löffel aus der gleichen Suppe. Schließlich hat sie sie bezahlt! Sie sprechen kein Wort, der Mann lächelt sie aber an. „Dreister Kerl!", denkt sie sich, „so kann man also auch an sein Essen kommen."

Nach dem Essen holt der Mann für sie beide Kaffee und verabschiedet sich dann höflich, immerhin. Erstaunt bedankt sich die Frau - jetzt auch mit einem Lächeln.

Als sie gehen will, findet sie ihre Handtasche nicht. „Also doch ein hinterhältiger Betrüger! Das hätte man sich ja gleich denken können! ” Mit rotem Gesicht schaut sie sich um. Er ist verschwunden.

Aber am Nachbartisch - sieht sie ihre Handtasche hängen. Und einen Teller Suppe, inzwischen kalt geworden...

nach: Impulse zur Fastenzeit 2010
[zeit-zum-nachdenken@t-online.de]

Welche Gedanken könnten der Frau mit dem roten Kopf hinterher gekommen sein?

„Meine Güte,“ stöhnt da die Frau, völlig erschüttert, „was ist mir da nur passiert?“

Aber ich habe es doch geglaubt, ich war doch im Recht. Ich musste mich doch so fühlen.

Sie schüttelt nachdrücklich den Kopf. „Ich hatte meine Suppe doch bezahlt und war nur noch einmal an die Theke gegangen, um den vergessenen Löffel zu holen. Und da stand dieser fremde Mann an meinem Teller und aß davon. Ein Schwarzer, ein Ausländer! Und nach Deutsch sah er gar nicht aus. Dem hätte ich doch gar nicht klarmachen können, dass er nicht von meinem Teller essen darf. Aber, verflixt, ich hatte ja bezahlt und Hunger hatte ich auch. Also habe ich ebenfalls zugelangt. Und der dreiste Kerl fühlte sich offenbar überhaupt nicht gestört. Er grinste mich sogar an. Klar darf er mit mir vom gleichen Teller
essen! Denkste!.
Und als der leer ist, holt er sich und mir einen Kaffee. Ich kann’s nicht glauben. Und beim Weggehen grinst er wieder freundlich. Pfff., er kann offenbar Deutsch.

Und dann erst der Schreck: Wo ist meine Handtasche? Der Kerl hat sie mitgehen lassen. Seine Freundlichkeit – nur Täuschung. Klar doch: dieser Ausländer wollte nur an mein Geld.

Ja, genau so habe ich das Geschehen erlebt.“

„Aber jetzt im Nachhinein: Oh je, oh je! Jetzt ekle ich mich nur noch vor mir. Ich war ein Knäuel aus allem, was man nicht sein will: Ich sah nur Schwarz, Fremd, Böse. Und war selbst all dies.
Als ich den Farbigen am Tisch gesehen habe, machte es Klack und ich ---total zu. Für mich war er kein Mitmensch, kein Nächster, nicht auf Augenhöhe, nur ein fremdartiger Störenfried und Schmarotzer. Ich hielt ihn – bloß wegen seiner Hautfarbe – für primitiv, ungebildet und unmoralisch, ja kriminell. Und ich fühlte mich als Weiße, Europäerin, Deutsche himmelhoch überlegen. Ein höllischer Irrtum. In meiner Verblendung übersah ich meinen eigenen Tisch, belästigte den harmlosen Nachbarn, aß vom fremden Teller und war für seine Freundlichkeit nicht zu erreichen. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, verdächtigte ich ihn als Dieb meiner Handtasche.

Lieber Gott,
vergib mir meine Schuld,
ich war verblendet,
habe gerichtet, wo ich nicht hätte richten dürfen.

Öffne mir Augen, Ohren, Herz und Verstand
für meine Nächsten,
auch wenn sie anders aussehen, sprechen,
vielleicht auch denken und glauben.
Amen.

Matth. 7. 1-3: Richtet nicht,
damit ihr nicht gerichtet werdet.

Denn nach welchem Recht ihr richtet,
werdet ihr gerichtet werden;
und mit welchem Maß ihr messt,
wird euch zugemessen werden.

Was siehst du aber den Splitter
in deines Bruders Auge
und nimmst nicht wahr
den Balken in deinem Auge?

Dr. Klaus Widdra
Kirchenältester in Beltershausen

1. Sonntag nach Ostern

Quasimodogeniti
(„wie die neugeborenen Kinder“)

 
„Fragen“ (Bild von ElisaRiva auf Pixabay)

Wochenspruch für Quasimodogeniti

"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten." | 1. Petr 1,3

Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder

Der 1. Sonntag nach Ostern erinnert an die neue Geburt der Glaubenden: Die Auferstehung hat die Welt verändert, Gottes Liebe ist offenbar geworden, wer diese gute Botschaft annimmt, tritt in eine erneuerte Beziehung zu Gott ein und gleicht „neugeborenen Kindern“. Denn Gott hat uns wiedergeboren … durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Passt das zu unserem Alltag? Da läuft alles scheinbar immer gleich weiter. Was hat sich durch Ostern verändert? Gibt es einen Beweis für den Neuanfang? Diese Frage nimmt das Evangelium des Sonntags auf.

Ostern und Gewissheit

Schon im Kreis der ersten Jünger gab es Zweifel wegen der Auferstehung. Der Jünger Thomas hatte die Erscheinung des Auferstandenen, von der die anderen berichteten, nicht mitbekommen (Joh 20, 24-29). Das hörte sich für ihn alles ziemlich wirr und unglaubwürdig an. Einfach glauben konnte und wollte er nicht.

Thomas steht gleichsam an der Schwelle vom Geschehen der Auferstehung und dem Zeugnis der Zeugen. Wir können in ihm einen von uns sehen, der Ostern nicht dabei war und deshalb auf das Zeugnis der Jünger angewiesen ist. Paulus wird später von 500 Auferstehungszeugen sprechen (1.Kor 15,6), eine überwältigende Zahl.

Jede Gerichtsverhandlung würde mit weit weniger Zeugen auskommen, aber die Botschaft von der Auferstehung ist eben nicht vergleichbar mit Sachverhalten des Alltags bei Unfällen oder Kriminaldelikten. Die Botschaft der Auferstehung sprengt alles, was wir sonst kennen und erleben. Wie Thomas fordern wir mehr.

Jesus erscheint dann für Thomas noch einmal und bekräftigt damit das Zeugnis der anderen Jünger. Thomas wird von einem Schrecken erfasst, weil er in Jesus der heiligen Gegenwart Gottes begegnet. Von so einem „Schrecken“ ist immer wieder im Alten wie im Neuen Testament die Rede in Begegnungen von Menschen mit Gott (Abraham, Mose, Petrus, Paulus).

Die Botschaft für uns

Ein geistliches Erlebnis kann auch uns helfen, in dem unser Alltag verändert wird durch eine Erfahrung Gottes, die uns anrührt und unsere Wirklichkeit verändert. Uns wird die Nähe zu Gott gewiss, manche nennen das Aufschlussmomente, weil wir plötzlich durchblicken und eine neue Wirklichkeit wahrnehmen.

August Herrmann Francke ging es so, als er mitten in einer Predigtvorbereitung unsicher wurde über die bloße Existenz Gottes. Er wird geradezu aus der Bahn geworfen, geht auf die Knie und bittet Gott um Erbarmen– und plötzlich macht er eine ganz neue Erfahrung mit Gott, die sein Leben verändert. Er spricht fortan von seiner Bekehrung. Dieter Henrich, Hans Joas oder Nils Köbel nennen das „Aufschlussmomente“ oder „Evidenzerfahrungen“.

Wo stehen wir? Können wir an so eine Erfahrung zurückblicken, dann dürfen wir uns dankbar erinnern und nach Gott ausrichten. Wir dürfen Gott auch um so einen Aufschlussmoment bitten.

Vielleicht sind wir aber auch in unseren Glauben langsam seit unserer Kindheit hineingewachsen, sind uns der Bedeutung von Gott und Kirche gewiss. Dann dürfen wir auch dafür dankbar sein.

Im Zusammenhang unseres Wochenspruches aus 1.Petrus 1,3f. geht es um die „Prüfung“ der Glaubenden, wie „Gold durch Feuer geläutert wird“, damit „euer Glaube bewährt wird“(1,6-7). Gott hat uns wiedergeboren „zu einer lebendigen Hoffnung, zu einem unvergänglichen … Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch“.

Wir haben der Botschaft von der Auferstehung geglaubt, jetzt stehen wir in Versuchungen und Prüfungen, können den Mitmenschen für unseren Glauben keine Beweise liefern. Wir haben nur das Zeugnis des Neuen Testaments und unsere eigene Glaubensgeschichte.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass unser Erbe unvergänglich ist und bei Gott im Himmel aufbewahrt wird. Darauf dürfen wir fest vertrauen und unser Leben immer neu auf Jesu Vorbild ausrichten.

Gebet

Vater im Himmel, Deine Liebe zu uns ist so einzigartig groß, dass wir sie kaum fassen können. Du hast unser Herz angerührt und uns wiedergeboren zu einem neuen Leben.

Wir danken Dir, Jesus, für Deinen Einsatz für uns, Du sollst das Vorbild meines Lebens sein und bleiben. Dich loben und preisen wir, weil du Leiden und Tod nicht gescheut hast, um uns den Weg zum Vater geöffnet hast.

Gott Heiliger Geist, du bist für uns da und begleitest uns durch unser Leben, du weißt um unsere Unsicherheit und unseren Zweifel, den wir mitunter nur schwer ertragen können. Stärke und erhalte uns unseren Glauben und lass uns sehen, was wir geglaubt haben. Amen.

Lied EG 103

1. Gelobt sei Gott im höchsten Thron/ samt seinem eingebornen Sohn, /der für uns hat genug getan.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2. Des Morgens früh am dritten Tag,/ da noch der Stein am Grabe lag,/ erstand er frei ohn alle Klag.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3. Der Engel sprach:/ Nun fürcht‘ euch nicht; / denn ich weiß wohl, was euch gebricht./ Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4. Er ist erstanden von dem Tod, /hat überwunden alle Not;/ kommt, seht, wo er gelegen hat.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

5. Nun bitten wir dich, Jesu Christ/ weil du von dem Tod erstanden bist/ verleihe, was uns selig ist.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

6. O mache unser Herz bereit,/ damit von Sünden wir befreit/ dir mögen singen allezeit:
Halleluja, Halleluja, Halleluja.
(Michael Weiße 1531)


Liebe Gemeindeglieder in Bortshausen, Cappel und
Ronhausen, liebe Mitarbeiter*innen,

zu Ostern wünschen Pfarrerin Zeeden und ich Ihnen allen Gottes Segen! Unten die aktuellen Angebote unserer Gemeinde.

Den Ostersegen finden Sie auf Youtube:

Viele Grüße, auch von Pfarrerin Zeeden,
W. Glänzer


Osterandacht für Ostersonntag, 12. April 2020

Er ist erstanden, halleluja, freut euch und singet, halleluja!

An einen alten Brauch anknüpfend, nach dem am Ostermorgen Quellwasser geholt wird, haben T. Zeeden und B. Domes diese Texte verfasst.

Hanna

Es ist noch dunkel. Leise steht Hanna auf. Rasch zieht sie sich an, schleicht durch das Haus, erschrickt, als die Diele knarrt. Die Eltern sollen sie nicht hören.
Vorsichtig holt sie ihre Schuhe aus dem Regal, öffnet die Haustür, setzt sich auf die Treppenstufe vor dem Haus und schlüpft in die Schuhe.
In ihrem Rucksack: zwei große, leere Marmeladengläser.
Hanna ist 15. Dies Jahr hat sie nicht verschlafen. schon letztes Jahr wollte sie Osterwasser holen aus der Quelle im Wald.
Osterwasser – ihre Oma hatte ihr immer wieder davon erzählt, als sie noch ein Kind war. Es hatte so geheimnisvoll geklungen: in der Dunkelheit des Ostermorgens musste man losgehen und durfte auf dem Weg kein Wort reden. Dann würde das Wasser eine magische Kraft erhalten. Kranke würde es stärken, vielleicht sogar heilen.
Die Oma wohnt seit zwei Jahren bei ihnen im Haus. Sie ist auf Hilfe angewiesen; kann nur noch schlecht sehen, nicht mehr weit gehen. Vor allem für die Oma würde sie das Osterwasser holen.
Jetzt ist sie am Fuße des Berges angekommen. Auf halber Höhe ist die Quelle. Hier unten fließt schon ein kleines Bächlein. Eine halbe Stunde würde der Aufstieg dauern.
Hanna schaut sich um. Es ist stockdunkel. Noch nie ist sie alleine durch den dunklen Wald gegangen. Sie spürt, wie sich die Angst in ihr ausbreitet. Doch wieder zurückgehen?
Sie zaudert. Ohne Handy, ohne Taschenlampe, ohne Hilfsmittel muss man das Osterwasser holen.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Diesen Spruch hat ihre Oma öfters gesagt. Jetzt fällt er ihr ein. Außerdem: es ist Ostermorgen.

Was kann ihr da schon passieren!?

Sie geht durch den finsteren Wald, hört das Knacken der Äste, hört, wie die ersten Vögel anfangen zu singen.
Ihr Herz klopft laut, als sie ein Schnauben hört, wie von einem Wildschwein. Hat sie sich das nur eingebildet. Ihr Atem stockt. Sie hört ein Rascheln, das sich zum Glück entfernt und schließlich verliert.
Einmal kommt sie vom Weg ab. Ein Schrecken durchfährt sie. Nur wenige Meter muss sie zurückgehen, da erkennen ihre Füße, dass sie wieder auf dem Weg ist.
Endlich! Die Quelle!
Sie öffnet ihren Rucksack, nimmt ein Glas nach dem anderen heraus, füllt es mit Quellwasser. Danach trinkt sie selbst davon, aus der hohlen Hand.
Der Abstieg ist einfacher.
Langsam zieht der Morgen auf mit dem ersten, noch fahlen Licht. Als sie aus dem Wald heraustritt in die Eben, empfängt sie der Himmel mit einem rosa Glanz, der die Wolken leuchten lässt.
Sie hat es geschafft! Tief atmet sie durch. Lässt sich von dem Licht durchfluten.
Christus ist auferstanden.
Sie fühlt es mehr als dass sie es denkt.
Beschwingt läuft sie nach Hause. Die Oma sitzt, dick eingemummelt, auf der Bank vor dem Haus und wartet auf sie.
Schweigend holt Hanna das Osterwasser. Sie trinken davon, jede einen Schluck. Dann sagt die Oma:
Christus ist auferstanden.

Ruth sitzt nah am Wasser. Es ist Mittag. Der Bach rauscht, gurgelt, zwängt sich über grobe Steine vorwärts.
Sein Dröhnen erfüllt den Wiesenplatz im Talgrund. Feine Spritzer kühlen ihre Haut. Sie sitzt einem Felsen gleich, umspült vom Tosen. Hier sein, hören, atmen, hören, atmen, loslassen. Sie fühlt die Lebendigkeit des Wassers, seine Unbeschwertheit. Sie lässt sich mittragen. Ihre Konturen verschwimmen. Sie fühlt sich frei, getragen von Wasserkraft.

Alles in ihr wird Ruhe. Tobendes Wasser spült weg die Gedanken von Bedrängnis, Schmerz, Krankheit und Tod, reiβt mit unversöhnlich Vergangenes und Verzagtheit.

Hoffen auf neues Werden, Auferstehung im hellen Licht. Der Bach tröstet, lindert. Er sucht sich seinen Weg durch Beständigkeit.

Lukasevangelium, Kapitel 24, 1-6a
1 Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.
2 Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab
3 und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.
4 Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern.
5 Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
6 Er ist nicht hier, er ist auferstanden.

Anna genießt das milde Licht des frühen Abends.
Der Fluss hat wenig Wasser, doch das leise Plätschern und beständige Fließen bringen sie zur Ruhe.
Sie liebt diese Auenlandschaft. Weiden hängen tief ihre Äste ins Wasser, Schilfrohre biegen sich im Wind. Im Schatten der Erlenbüsche lagern schwere rund geschliffene Steine, Riesenschildkröten aus der Urzeit gleich. Sie ist dankbar für so viel Schönheit, dankbar, dass sie dies alles sehen, hören, einatmen kann.
Viele Jahrzehnte ihres Lebens sind vergangen, dahingeflossen. Sie hat die Veränderungen in dieser Gegend miterlebt. Breitere Straβen und neue Häuser wurden gebaut und zerstörten immer mehr die ursprüngliche Landschaft. Die bunten Wiesenblumen verschwanden zunehmend und mit ihnen die vielzähligen Schmetterlings -und Insektenarten. Die Bauern klagten über unbeständiges Wetter, unberechenbare Nachtfröste während der Obstbaumblüte, starke Niederschläge mit Hochwasser und Überschwemmungen und im Sommer während Wochen gnadenlose Trockenheit. Das Säen und Ernten war unberechenbar geworden. Anna erlebte dies selbst jedes Jahr in ihrem Hausgarten. Sie versuchte sparsam mit dem Wasser umzugehen, Brauchwasser einzufangen und an die durstigen Pflanzen zu verteilen. Aber den ganzen Garten konnte sie nicht bewässern. Mit den Jahren würden nur die trocken liebenden Pflanzen überleben.
Sie erinnert sich an ihre Kindertage im Gebirge. Sie liebte das Wandern entlang der Gebirgsbäche, wenn die perlende Gischt das Tal kühlte und vom Hang glitzernde Tropfen über Moospolster rieselten. Sie suchte sich einen eigenen Weg über den Bach. Mit flinken Sprüngen, von Stein zu Stein hüpfend über das sprudelnde Wasser ohne halten. Dies war ihr herausforderndes Spiel mit der Natur. Heute ist solche Ausgelassenheit nicht mehr möglich. Sie ist froh, ohne Schmerzen ein kurzes Stück Weg zu gehen. Letztes Jahr in ihrer schweren Krankheit, glaubte sie nicht mehr an Genesung.
Anna erhebt sich langsam, stützt sich auf die Wanderstöcke und geht vorsichtig ein Stück weiter zum Wehr. Jetzt kann sie die kauernde Gestalt im Wasser sehen. Mit nackten Füβen steht er im Fluss. Seine gebeugte Haltung gleicht einem Embryo. Seine ausgestreckten Hände über dem Wasser scheinen das Strömen zu beruhigen, zu segnen. Die Skulptur ist ganz eins mit dem Wasser.
Mit diesem Bild im Herzen geht sie nachhause. Sie legt sich zur Ruhe.
Früh am nächsten Morgen erwacht sie, die Vögel besingen den Beginn des neuen Tages. Es ist Ostersonntag. Ob Hanna dies Jahr wieder verschlafen hat?
Sie kleidet sich warm an und setzt sich auf die Gartenbank.
Friede zieht in sie ein. Die Stille und die Wahrheit des Ostergeschehens.
Christus ist auferstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden


Das fand er spannend. Normal zu sein war für ihn nicht besser, als wenn einer aus der Reihe tanzte.

Wenn ein Esel sich störrisch verhalten hat, dann hat der Heiland oft herausgefunden, dass es nicht der Esel war, der störrisch ist, sondern dessen Besitzer.

Pfarrerin T.Zeeden für den Sonntag Palmarum 2020
Zeichnung Vladischern Dreamstime.com

Joh. 12, 12-13
Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel.“

Die Eselin

Man nennt mich Selma. Ich bin eine Eselin.
Ein weiches, dunkles Fell und eine samtige Nase habe ich. Ich strahle große Ruhe aus und außerdem bin ich klug.

Kinder mögen mich gerne. Wenn sie mich streicheln dürfen, sind sie ganz zart und wenn sie auf mir reiten, dann jauchzen sie vor Vergnügen.

Eigentlich bin ich ein glückliches Tier. Wenn da nicht diese Vorurteile wären: Esel seien störrisch, dumm und faul. Wenn ein Mensch eine Dummheit begeht, sagt er bisweilen: oh, ich dummer Esel. Das ist unfair! Im Gegenteil, wir sind kluge Tiere. In gefährlichen Situationen sind wir vorsichtig und wägen ab, was zu tun ist. Dafür bleiben wir stehen und nehmen uns Zeit, zu entscheiden, welchen Weg wir gehen: den steilen und kurzen oder den steinigen und ebenen Weg. Das ist Vorsicht und hat mit störrisch nichts zu tun.

Mein Herr ist ein guter Herr. Er kennt mich. Er würde nie sagen, dass ich faul bin. Ich arbeite viel für ihn und er kann sich auf mich verlassen. Es macht mich traurig, wenn schlecht über uns geredet wird.

Einmal, da war mein Herr auf Reisen und ein Fremder wollte mich von der Wiese holen und mit mir fortreiten. Da war ich störrisch. Da hab ich mich gesperrt mit allen Vieren. Keinen Schritt hab ich mich bewegt. Ich halte doch zu meinem Herrn und laufe nicht fort!
Also, so betrachtet, ist es ganz gut, dass wir Esel wissen, was wir wollen und nicht alles tun, was einer von uns verlangt. Mit Abgrenzen haben wir da keine Probleme!
Wer bereit ist, sich in uns Esel reinzufühlen, der wird einen guten Freund in uns finden und treuen Gefährten.
Unter uns Eseln, da erzählt man sich eine alte Geschichte. Ich hab‘ sie von meiner Mutter.
„Selma,“ sagte sie, „weißt du, dass wir ganz besondere Tiere sind?
Vor 2000 Jahren, da ist der Heiland auf uns geritten. Feierlich ist er auf einem Esels-Füllen nach Jerusalem eingezogen.
Palmenzweige haben den Weg gesäumt und das Volk hat gejubelt.“

Für uns Tiere war das Beste dabei, dass er die Tiere mit genauso viel Respekt behandelt hat wie die Menschen. Er hat sich in uns reingefühlt. Wenn ein Esel stehen geblieben ist und nicht weiter wollte, ist er abgestiegen und hat selbst geschaut, woran es liegt. Ob ein Hindernis im Weg lag oder ob der Esel sich verletzt hatte.
Der Heiland hat gefragt, wenn einer anders war, wenn einer anders reagiert hat, als erwartet. Ihn hat das interessiert.

 

„Nachtgott“ © Ari Plikatt


Erschrecken.
Wovor?


„So konnte es ja auch nicht weitergehen!“ Das sagen viele Leute in diesen Tagen. „Erdbeeren im Januar; jährlich drei Flugreisen; alles und jedes muss bestellt werden und morgen vor der Haustür stehn.
Gut, dass das alles mal einen Dämpfer bekommt.“

Soweit stimme ich den Leuten zu. Und überlege weiter. Viele von uns sind ziemlich erschrocken. Ein Virus breitet sich aus, das wir technisch und medizinisch nicht im Griff haben; und dieses bedroht nicht nur wenige, es bedroht viele. Ängste, die es auch sonst gibt, rücken uns näher; Befürchtetes wird wahrscheinlicher als in normalen Zeiten. Drum Erschrecken.

Könnten wir für uns ein heilsames Erschrecken daraus machen? Oder klingt diese Überlegung für Sie nach Ironie, nach Spott? Wenn es aber Sinn hat, darüber nachzudenken: Was könnte der heilsame Nutzen sein?

Sehen wir das Bild an. Ein Mann erschrickt. Er liegt und schläft nicht; oder nicht mehr. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er schaut von dem Ereignis weg, das ihn erschreckt hat. Im Fenster, da, wo er nicht hinsieht, liegt mehr oder weniger gemütlich oder gemütvoll ein anderer. Man erkennt ihn als Gott. Er hat dieses Dreieck über dem Kopf mit einem Auge darin. Dazu der schon sprichwörtliche lange, weiße Bart.

Der Mann im Bett erschrickt. Der Mann im Fenster will aber wohl gar nicht erschrecken. Das erkennt man an dem Kissen, auf dem er seine Arme abstützt. Er schaut so in ein Zimmer, wie wir oft hinausschauen. Das Kissen macht alles gemütlicher und gemütvoller. Was immer aber Gott will mit seinem Blick in das Zimmer, er erreicht nur den Schrecken.

Müssen wir erschrecken, wenn Gott in unsere Zimmer blickt?

Wenn Gott uns anschaut, sieht er uns ja. Gott schaut vermutlich freundlich. Und in diesem freundlichen Blick erkennen wir, dass wir uns womöglich lange nicht mehr mit ihm beschäftigt haben; und wann wir seinen Willen missachtet haben. Wir sind nicht die, die wir sein sollen, häufig jedenfalls – oder? „Der ich sein soll … wieder abgekommen davon …“ Ist es das, wovor dieser Mann erschrickt?

Gott kennt das an uns. Drum liegt er im Bild auf dem Kissen und schaut einfach. Er schaut, damit der Mann sich erkennt. Der Mann, der ja ich sein könnte. Gott schaut ihn an, damit er sich selbst wieder anschaut. So dass er wieder erkennt, wofür er gedacht ist.

Aber als erstes erschrickt der Mann. Doch Gott will ja, dass wir finden. Finden, wofür wir da sind. Deswegen lehnt er so gemütlich wie gemütvoll auf der Fensterbank des offenen Fensters, hingewandt zu dem Mann.

Was wird der tun? Es kann sein: Er dreht sich um, trotz des Schreckens. Und sagt Gott ins Gesicht hinein: Vergib mir. Ich bin so schwach, wie du weißt, dass ich schwach bin. Ich kann aber besser werden, Gott.

Was wird Gott tun? Er wird seine eine Hand ausstrecken und den Mann vorsichtig damit berühren. Dann wird er ihm sagen: Werde, wofür du gedacht bist! Mach dich wieder dran. Ich helfe dir und behüte dich.

Die Bitte darum klingt in den Psalmen so:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Psalm 139, Vers 23 + 24

Amen.

ursprünglich von Pfr. Michael Becker, verändert von Pfr. W. Glänzer für den Sonntag Judika, den 29. März 2020