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Andacht zur Jahreslosung

Jedes Jahr bin ich gespannt auf die neue Jahreslosung: Wird es ein Bibelwort sein, das mich die nächsten Wochen und Monate begleiten kann? Hat sie mir etwas zu sagen? Bewegt sie etwas in mir?
Die Jahreslosung für 2021 steht in den Erzählungen des Lukas über Jesu Seligpreisungen (Lk 6,35):

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Was zunächst wie eine Mahnung klingt, ein „Befehl“, eine Aufforderung, ist zugleich aber viel mehr. Es ist ein starkes Bild – ich habe jedenfalls sofort ein Herz vor Augen. Ein Vaterherz, das sich voller Erbarmen den Seinen zuwendet. Ein Herz, das überquillt vor Liebe, so dass diese Liebe in die Herzen der Geliebten fließt. Wie bei einem römischen Brunnen, wo das Wasser der obersten Becken die darunter liegenden speist, die es wiederum in die nächsten weitergeben – und so fort.


Grafik: Brunnen Vektoren von Vecteezy

Dieses Wort Jesu sagt mir also erst einmal etwas über Gottes Wesen: er ist barmherzig, also voller Erbarmen. Das weckt in mir warme Gefühle, eine vertrauende Stimmung.

Auf dem Titelbild ist das große rote Herz gleichsam der oberste Brunnen. Alle anderen haben direkt oder indirekt eine Verbindung zu diesem Herzen, werden aus ihm gespeist – so verschieden wie sie sind: groß und klein, glatt und rauh, gerade und gekippt, schwarz und weiß, die meisten bunt, ebenmäßig geformt oder ein bisschen verzogen, sogar verkehrt herum – keines ist einem anderen genau gleich.
Wie Gott barmherzig ist, so kann ich es auch sein, indem ich Menschen, die mir begegnen, wahrnehme, ihre Nöte ernst nehme, zuhöre, behutsam helfe. In Konflikten werde ich ermutigt, nicht mehr nach der alten Regel „wie du mir, so ich dir“ zu handeln, sondern mich auf ein „wie Gott mir, so ich dir“ zu besinnen. Daran erinnert mich die Jahreslosung, das möge sie in mir bewegen.
Ich darf aber auch auf mein eigenes Herz achten, es nicht überlasten, selber Hilfe annehmen. Nehmen und geben und nehmen und geben, ein dauernder Kreislauf – aber die Quelle: sie versiegt nicht.

Unser himmlischer Vater, aus dessen Herz Christus entstammt, fließt über vor Liebe – das haben wir Weihnachten gefeiert. Das möge uns durch das neue Jahr tragen.

Vielleicht hat Elisabeth Cruciger, die erste evangelische Dichterin, schon 1524 ein ähnliches Bild vor Augen gehabt als sie gedichtet hat (EG 67):

  1. Herr Christ, der einig Gotts Sohn
    Vaters in Ewigkeit,
    aus seim Herzen entsprossen,
    gleichwie geschrieben steht,
    er ist der Morgensterne,
    sein Glänzen streckt er ferne
    vor andern Sternen klar;
  2. für uns ein Mensch geboren
    im letzten Teil der Zeit,
    dass wir nicht wärn verloren
    vor Gott in Ewigkeit,
    den Tod für uns zerbrochen,
    den Himmel aufgeschlossen,
    das Leben wiederbracht:
  3. Lass uns in deiner Liebe
    und Kenntnis nehmen zu,
    dass wir am Glauben bleiben,
    dir dienen im Geist so,
    dass wir hier mögen schmecken
    dein Süßigkeit im Herzen
    und dürsten stets nach dir.
  4. Du Schöpfer aller Dinge,
    du väterliche Kraft,
    regierst von End zu Ende
    kräftig aus eigner Macht.
    Das Herz uns zu dir wende
    und kehr ab unsre Sinne,
    das sie nicht irrn von dir.

Zum 2. Sonntag nach Epiphanias
Daniela Wissemann


3 Bilder von Weihnachten

20. Dezember 2020 - Ursula Kreuder

3 Bilder, ja, aber das erste ist „im Kopf“ – d.h.: man muss es sich vorstellen. Versucht das doch bitte mal mit folgender Comic-Situation: Ein Weihnachtsmann (ja klar: roter Mantel, rote Mütze mit weißen Rändern) läuft durch den Schnee und zieht einen Schlitten hinter sich her – schwindelerregend hoch bepackt mit Geschenken. Und genau hier liegt das Problem: Sein einzig möglicher Weg führt ihn durch eine Eisenbahnunterführung, die nicht ansatzweise so hoch ist wie die Geschenke auf dem Schlitten. Trotzdem geht der Weihnachtsmann völlig unbeirrt weiter. Da wäre ja nun die unvermeidliche Folge: Pakete und Päckchen fallen vom Schlitten. Es sei denn, sie wären sehr gut befestigt, aber dann bliebe das Ganze stecken. Danach sieht es aber nicht aus, die Geschenke scheinen leicht zu sein. Von ihnen geht kein Widerstand aus.
So ein Unsinn, könnten Sie jetzt denken, heute gibt es andere Transportwege, nicht zuletzt mit dem Flugzeug.
Aber: wie ist das denn heute? Genauer: wie ist das beim „Lock-down“? Wie viel Gewicht haben da Weihnachts-geschenke? Wird man bei vielen, wie in den Jahren zuvor etwas fühlen wie: „Gewogen und zu leicht befunden“? Oder: „Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul?“
Oder aber: Könnte es sein, dass sich unsere Geschenke, unsere Art zu schenken etwas geändert haben aufgrund der Pandemie, dieser „Geißel der Menschheit“, wie es eine Zeitung schrieb, aufgrund dieses bisher nie Erlebten, das uns einengt, manchmal einschnürt, ein Gefühl von Ohnmacht hochkommen lässt? Haben unsere Geschenke jetzt vielleicht mehr mit dem eigentlichen Grund des Schenkens an Weihnachten zu tun?

Für das, was 250 000 Menschen 1942 im „Kessel von Stalingrad“ erlebten, ist der Ausdruck „Geißel der Menschheit“ zu schwach. Sie hatten den sicheren Tod vor Augen. Aber auch da kam Weihnachten und ließ den Pfarrer, Arzt und Maler Kurt Reuber auf die Idee kommen, den mit ihm unentrinnbar Eingeschlossenen ein Bild zu schenken. Dieses Bild, mit schwarzer Kreide auf die Rückseite einer Landkarte gemalt, kennen die meisten. Denn es hat Krieg und Tod überlebt.
Überwältigt und sprachlos gemacht hat es die Beschenkten. Einige kamen immer wieder, um es zu sehen: Seine Wärme in der Kälte und seine im Gegensatz zu allem anderen hier anscheinend tatsächliche Unverwundbarkeit.
Ein weiser Mann – vor etwa 700 Jahren hat er gelebt und sein Name war Meister Eckhart – hat gesagt, dass Gott jedes Weihnachten von neuem in uns geboren wird. Wenn das stimmt, kann dann auch ich auf eine Weise „unverwundbar“ werden? Trotz allem?

Und das 3. Bild von Weihnachten?

Es wurde 3 Jahre später im Exil gemalt von Oskar Kokoschka, dem Maler, Graphiker, Dichter. Weihnachten 1945, im ersten Nachkriegswinter, der unzähligen Menschen, vor allem Kindern das Leben kostete, ließ er dieses Bild als Plakat auf eigene Kosten in einer Auflage von 5000 Exemplaren drucken und in den Londoner U-Bahnhöfen aufhängen. Warum? Auf dem waagerechten Balken des Kreuzes steht es, was auf dt. übersetzt heißt: "In Erinnerung an die Kinder von Europa, die sterben müssen vor Kälte und Hunger an diesem Weihnachtsfest“.
So tief es geht – ist er doch mit der linken Hand noch ans Kreuz genagelt – beugt sich der Gekreuzigte hier zu einer Gruppe von Kindern hinab, die ihre Gesichter sehnsüchtig nach oben strecken. Sein eigenes Leiden muss hinter dem der Kinder zurückstehen. Sein rechter Arm hat sich schon vom Kreuz befreit und der Handrücken scheint den Mund eines Kindes zu berühren.
Und meint damit: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“. Er weiß es und wir ahnen es zumindest auch: Zusammen bleiben wir am Leben und niemals bleiben wir im Tod.

3 Bilder von Weihnachten - aus schweren Zeiten (aber wann sind unsere Zeiten leicht?)
3 Bilder von Weihnachten – hinterfragend,
tröstend, auffordernd, Antwort gebend, Richtung weisend, Mut und Hoffnung machend – und mit Sicherheit jedes Jahr wieder.

 


 

Mit anderen Augen sehen


Vor einigen Wochen kam meine Tochter zu mir mit der Hausaufgabe, das obige Bild zu interpretieren.

Es zeigt Mary Poppins aus dem gleichnamigen Film, die aus den Wolken kommt und in Richtung Erde schwebt. Dort wird die Luft durch Fabriken und PKW verschmutzt.

Der Autor „the baptman“ weist in seinen Bildern auf verschiedene Problematiken hin, indem er nicht reale Bilder, sondern Disney-Figuren benutzt, die vielen Menschen ans Herz gewachsen sind. So soll sich ein neuer Zugang zu den gezeigten Themen eröffnen.

Ein wichtiger Punkt in der Geschichte ist der, dass Mary Poppins dann erscheint, wenn Hilfe gebraucht wird, die die Menschen allein nicht mehr leisten können. Im Film benötigt eine Familie ein neues Kindermädchen, mehrere haben bereits erfolglos ihre Stellung gekündigt. Da kommt Mary Poppins ins Spiel.

Sie zeichnet sich durch übermenschliche Zauberfähigkeiten aus, mit deren Hilfe sie Probleme löst. Es braucht scheinbar mehr als menschliche Fähigkeiten.

Auf das Bild übertragen bedeutet dies, dass Umweltprobleme, die die Menschen nicht mehr in den Griff bekommen, nun gelöst werden, indem Kräfte gebraucht werden, die Menschen nicht möglich sind. Insofern zeigt das Bild einen hoffnungslosen Moment, in dem Poppins erscheint.

Die Übertragung ins Christliche liegt nahe. Man könnte sagen, dass göttliche Hilfe nötig ist, wo der Mensch versagt hat, wo keine Möglichkeit mehr besteht, das Ruder herum zu reißen.

Dabei geht mir eine naheliegende Bibelstelle aus dem Psalm 121 durch den Kopf: „Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

So könnte man das Bild stehen lassen, die Hände in den Schoß legen
und gespannt sein, wie diese Hilfe wohl aussieht.

Aber die Mary Poppins-Geschichte beinhaltet noch einen weiteren Aspekt. Poppins ist eigentlich nicht aufgrund ihrer Zauberkräfte so erfolgreich in ihrem Tun, sondern weil sie den Menschen eine andere Perspektive auf ihr Leben eröffnet. Oft in Liedern, gibt sie ihnen Ideen und Gedanken mit, wie z.B.: „Wenn man alles neu und anders sieht, kann's sein, dass And’res auch geschieht!“

Sie gibt Anregungen zu einem veränderten Blick, sie gibt Anstöße, Prioritäten neu zu setzen und das Leben anders zu gestalten. Und damit verändern sich nicht nur die Menschen, die ihr direkt begegnen. Es werden durch Kettenreaktionen viele Menschen erreicht.

Und das ist - wie ich finde - eine ermutigende Perspektive, auf welchem Weg die Hilfe, die wir benötigen, in die Welt kommt.

Lars Iske

 


 

Andacht für den 22. November 2020,

den Ewigkeitssonntag oder Totensonntag

Dr. Klaus Widdra

„Was soll ich tun?
Der Tod folgt mir, es flieht das Leben“. (Seneca)

Ein uralter Notschrei! Und er gilt für alle Menschen. Denn für uns alle endet das Leben mit dem Tod.
Aber was ist der Tod?

„Keine Angst!“ sagt Sokrates im Jahr 399 v. Chr. sinngemäß zu seinen Richtern, die ihn gerade zum Tod verurteilt haben.
„Der Tod ist für den Menschen in Wahrheit etwas Gutes. Denn er ist entweder so etwas wie ein traumfreier, völlig empfindungsloser Tiefschlaf ohne Ende, oder aber ein Umzug von der Erde an einen anderen Ort.

Beides wunderbar! Etwas Schöneres als eine solch ungestörte Nacht habt Ihr doch noch nicht erlebt. Und das Sterben als ein Umzug an einen anderen Ort – wie schön! Ihr findet dort gerechtere Richter und trefft auf Menschen, die Euch lieb waren, oder denen Ihr immer mal begegnen wolltet.“
Auch wir Christen glauben an die Auferstehung, an die Wiedergeburt in der Nachfolge des für uns gekreuzigten und gestorbenen Jesus Christus, der zu Gott heimgekehrt ist und über die Toten liebevoll richtet; und wir sind der Überzeugung, dass „der Mensch in der Identität seiner Person wiedererkennbar ein ewiges Leben bei Gott hat. Dass wir einander wiedertreffen, wiedererkennen können.“
(Petra Kurten, Professorin für Dogmatik in Eichstätt)

Also eigentlich dürfte uns unser eigener Tod nicht schrecken.
Er müsste uns viel eher hoffnungsvoll machen.
Und für unsere verstorbenen Angehörigen, die uns so sehr fehlen, deren Verlust uns so sehr schmerzt, sollten wir dankbar sein in der Erwartung, dass wir uns wiedersehen werden.

Doch da ist noch der Sterbeprozess, der uns mit Angst erfüllt. Aber auch hier finden wir schon im Altertum eine Überlegung, die uns Mut machen kann. Der Politiker und Philosoph Seneca betrachtet unser sterbliches Leben hier auf der Erde nur als ein Vorspiel für jenes bessere Leben, das uns nach unserem Tod erwartet.
Ganz ähnlich wie bei der Geburt sei unser Sterben. Denn vor der Geburt halte uns der mütterliche Leib umfangen, sorge selbstlos für unsere Entwicklung und bereite uns auf das Leben außerhalb seines Schutzes vor. Normalerweise würden wir erst dann von dort hinausgeschickt, wenn wir selbst atmen und im Freien überleben könnten.
Und dieser Weg nach außen sei durchaus beschwerlich.
Ebenso, sagt Seneca, spielt sich unser Leben im Sterben ab: Von der Kindheit bis zum Alter hat uns unser irdischer Körper heranwachsen lassen, sorgsam geborgen und für unsere künftige Umgebung reif gemacht. Jetzt im Sterben müssen wir den uns umgebenden Körper wieder verlassen und unsere Seele dem neuen Himmelslicht anvertrauen.

Gegen die körperlichen Schmerzen und Ängste bei Geburt und Sterben können heutzutage glücklicherweise hochentwickelte Schmerz- und Beruhigungsmittel der Palliativmedizin meist erfolgreich eingesetzt werden.

Der Dichter Carl Zuckmayer stellt die folgende Betrachtung an:
„Beim Einschlafen denke ich manchmal: Was wird mit mir sein, wenn ich nicht mehr aufwache?

Ich denke mir oft, dass ich vor der Geburt von meiner Mutter umgeben war, in ihrem Leib, ohne sie zu kennen.
Dann brachte sie mich zur Welt, und ich kenne sie nun und lebe mit ihr.
So, glaube ich, sind wir als Lebende von Gott umgeben, ohne ihn zu erkennen.
Wenn wir sterben, werden wir ihn erfahren so wie ein Kind seine Mutter, und mit ihm sein.“

„Es gibt viele Gedanken, Bitten und Sorgen, die uns noch bewegen.
Wir müssen damit nicht allein bleiben, denn unser Gott spricht:
‘Rufe mich an in der Not, so will ich dich erhören, so sollst du mich preisen’ (Psalm 50,15).

Also bringen wir nun in der Stille unsere ganz persönlichen Anliegen vor Gott.“
(Evangelische Fürbitten)

Vater unser


 

„…Liebe und Wärme in der kalten Welt…“

Aus dem Gottesdienst anlässlich der Pogromnacht vom 9. November 1938
am 8.11.2020 in Cappel

Noch einmal von der Wärme sprechen. Damit doch einige wissen: es ist nicht so, aber so könnte es sein!

Noch einmal von der Liebe sprechen. Damit doch einige sagen: Es war mal so und so soll es sein!

Noch einmal von der Hoffnung sprechen. Damit doch einige fragen: Was war da mal und wann kommt es wieder?

Und weil wir genau davon sprechen wollen, möchten wir jetzt von Otto Weidt erzählen. Haben Sie von ihm gehört?
Mitten in Berlin in den Hackeschen Höfen, deren Häuser noch aus der Kaiserzeit stammen, gibt es seit 1999 ein kleines Museum. Es ist genau in den Räumen eingerichtet, in denen der im ersten Weltkrieg fast erblindete Otto Weidt Anfang der 1940er Jahre eine Besen- und Bürstenbinderei eröffnete. Er war kein Jude, aber er wusste genau, was er von den Nazis zu halten hatte und war ihnen gegenüber ohne Furcht, energisch und oft listig. So beschreibt ihn seine spätere Biographin, Inge Deutschkron. Sie, eine Jüdin, war selbst eine von denen, die in Otto Weidts Werkstatt Arbeit und dadurch Schutz vor den Nazis fanden. Dabei war sie eine der wenigen Sehenden; in der Werkstatt arbeiteten hauptsächlich blinde, daneben auch gehörlose Juden, die die Besen und Bürsten in Handarbeit herstellten.
Besen und Bürsten? Im Krieg eine sehr begehrte und nicht mehr leicht zu bekommende Ware, was auch die Armee zu spüren bekam. Also hatte Weidt Wehrmachtsaufträge, was seine Werkstatt zum „wehrwichtigen Betrieb“ machte.
Die Aufträge der Wehrmacht führt er aber meist nur auf deren ausdrückliches Drängen aus. Viel wichtiger sind ihm Tauschgeschäfte: immer wieder zweigt er von seinem „Bürstensoll“ etliches ab, tauscht es z.B. gegen Fleisch oder Wein, damit seine jüdischen Schützlinge wenigstens ab und zu gutes Essen haben. Vor allem geht es aber darum, dass sie nicht hungern müssen, denn die Lebensmittelrationen für Juden werden immer kleiner. Genauso tauscht er seine Rosshaarbürsten gegen echte Luxusartikel wie französisches Parfüm, Champagner, gegen all das, was auch nationalsozialistische Beamte nicht mehr bekommen können. Und damit besticht er Nazis zugunsten seiner jüdischen Schützlinge.

Aber dann bekommt Levi, einer der Arbeiter die gefürchteten „Listen“, Vorboten der Deportation. Auf der Stelle nimmt Weidt ihm die Papiere ab, zieht Mantel und Blindenbinde an und geht (so beschreibt es seine Biographin) „laut mit dem Stock auf den Boden stoßend, aus dem Büro. Dabei sprach er kein Wort, die Lippen waren fest zugekniffen, sein Gesicht drückte unbändige Wut aus.“ Und später schreibt sie: „Ich weiß nicht mehr, wann Weidt von der Gestapo zurückkehrte(…) ‚Das ist erledigt‘, sagte er zu dem angstvoll wartenden Levi. … und mit einem verschmitzten Lächeln fügte er hinzu: ‚Wie soll ich denn meine Wehrmachtsaufträge ausführen, wenn man mir meine Arbeiter
wegnimmt? ‘ “
Aber nicht lange danach fährt ein großer Möbelwagen in den Hof der Werkstatt. Gestapo-Beamte springen heraus und fordern laut schreiend, dass sich alle jüdischen Blinden fertig machen sollen, sie würden abgeholt.
Fast ohnmächtig vor Zorn, stürmt Weidt wieder zur Gestapo und es lag wohl an der Bestechlichkeit der Nazis da, dass er seine Blinden ein paar Stunden später wieder aus dem Sammellager abholen kann. (s. Bild)

Es schien, als sei dies sein letzter Sieg. Aber nachdem zwei von ihm in der Werkstatt versteckte Familien verraten und nach Auschwitz gebracht worden waren, macht er sich allein auf den Weg in das KZ Auschwitz und dort gelingt es ihm mit List, unerschöpflicher Beharrlichkeit und mit der Hilfe eines polnischen Zivilarbeiters doch noch, zwei der deportierten Frauen im Januar 1945 zur Flucht zu verhelfen.
Otto Weidt starb 1947 im Alter von 64 Jahren an Herzversagen. Im Nachkriegsdeutschland erfuhr er keine Anerkennung mehr, aber in der Nationalen Gedenkstätte Israels „Yad Vashem“ steht sein Name bei den „Gerechten unter den Völkern“. Erst seit 1993 erinnert eine in den Boden eingelassene Tafel vor seiner früheren Werkstatt an ihn, auf der es heißt: „ In diesem Haus befand sich die Blindenwerkstatt Otto Weidt. Hier arbeiteten in den Jahren 1940 – 1943 vornehmlich blinde Juden und Taubstumme. Unter Einsatz seines Lebens beschützte Weidt sie und tat alles, um sie vor dem sicheren Tod zu retten. Mehrere Menschen verdanken ihm das Überleben.“

Damals – und Heute?

Gottes Spuren – auf einer in den Boden eingelassenen Platte, einer „Stolperplatte“, die von „Liebe und Wärme in der kalten Welt“ erzählt – und von Hoffnung. Wir haben Hoffnung und wir bitten um mehr davon.
Wie war Otto Weidt, der doch nur etwa die Hälfte seines Lebens „richtig“ sehen konnte? Er war selbstsicher, lebenslustig, listig, beharrlich. Eigenschaften, die man in Studien über Zivilcourage in der Nazizeit als typisch erkannte. (Nicht zuletzt durch das Beispiel Oskar Schindlers…) In armen Verhältnissen aufgewachsen, wurde Weidt Anstreicher (Maler) wie sein Vater. Doch er wollte lernen, sich bilden und suchte und fand Menschen, die ihm dabei halfen.
Das grausame Verhalten der Nazis, das andere in Furcht und Schrecken versetzen, das lähmen konnte, machte ihn so zornig, dass er losstürmte und das Unrecht mit allen ihm zu Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern suchte. „Sobald er von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt war, schreckte er vor Gefahren nicht zurück“, das haben die über ihn gesagt, die ihn kannten. Er war gewohnt, sich ein Urteil zu bilden und es auszuhalten, auch wenn die meisten anders dachten. Und richtig, das war für ihn alles, was Menschen zu einem guten friedvollen Leben half. Ein Leben mit Wärme, Liebe, Hoffnung. Was würde Otto Weidt zu unserer Welt sagen, wenn er noch lebte? Vielleicht: Bei euch überwiegt uninteressierte ablehnende Kälte statt Wärme, es gibt Hassbotschaften statt Liebe und statt Hoffnung, Leben nur im Moment und nur für euch selbst. Aber vielleicht würde er auch sagen: Auch bei euch ist das Leben nicht so leicht, es gibt von allem entweder zu viel oder zu wenig. Man macht Euch vor, es gäbe Sicherheit – wie wenig es davon gibt, wisst Ihr vielleicht auch durch Corona. Ihr müsst wie wir das Trotzdem leben und daran glauben, dass es wieder anders, dass es besser werden kann.
Glauben - „trotzdem“ glauben. Trotzdem vertrauen,
und „Hoffen wider alle Hoffnung“ wie es in einem Lied heißt.
Hoffen wider alle Hoffnung, denn wir sind ja nicht allein… Wir haben Jesus‘ Versprechen dafür! Und dieser Jesus hat auch gesagt: „Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Seid deshalb klug wie die Schlangen und doch ohne Hinterlist wie die Tauben“ (Mt 10, 16)
Und er traut uns zu, dass wir irgendwie mit der Situation klar kommen…
Wie war Jesus, was wissen wir von ihm aus der Bibel? Energisch? Liebevoll? Überlegt? Kreativ? Gedankenvoll? Lebenslustig? Beharrlich? Mitfühlend? Überzeugend? Mut machend? Listig? Zärtlich? Verunsichernd? Kühn? Verantwortungsbewusst? Bahn brechend? Vertrauensvoll?
Und manchmal dabei auch müde, ängstlich, zornig, unsicher, traurig…

Und wir, wie sind wir und wie können, wie möchten wir sein?
Und warum, wenn dieser Jesus, der immer wieder gesagt hat „Fürchtet Euch nicht“, es uns doch zutraut – warum sollten wir es nicht auch ab und zu schaffen und dagegenhalten? Für das Leben, für unser eigenes, für das unserer Kinder, für das zukünftiger Generationen einfach mal gegen den Strom schwimmen. Es gibt so viele gelungene Beispiele dafür, dass ich gar nicht erst versuche, sie aufzuzählen… aber vielleicht haben wir ja mal die Gelegenheit, uns von unseren eigenen Versuchen in der Richtung zu erzählen…


Gott, gib uns Ohren, die hören und Augen, die sehn und ein weites Herz, andre zu verstehn. Gott, gib uns Mut, unsre Wege zu gehen. Amen

Ursula Kreuder, Prädikantin


 

Andacht to go für Sonntag, den 08.11.2020

Liebe Gemeinde,

mit dieser Andacht möchte ich Sie alle auf das Schöne aufmerksam machen. Die Schönheit der Natur, Gottes Schöpfung, ist besonders im Herbst überall sichtbar. Zurzeit vergessen wir manchmal das Schöne zu bemerken, weil uns täglich viele schlechte Nachrichten erreichen.

Bitte nehmen Sie sich heute ein paar Minuten Zeit, um das Schöne zu sehen, das uns umgibt.

Katalin Schellenberg

Novembertage.

Die Blätter färbten sich in den schönsten Farben:
Rot, Goldgelb, Orange.
Die Äpfel, die Birnen und Pflaumen sind reif:
wunderbar süß, rot, lila.

Die Tage sind kürzer,
es wird früher dunkel.
Die Temperaturen fallen.

In den Häusern duftet es wieder nach Tee,
die Kamine spenden wohlige Wärme,
Kerzenlicht flackert in den Fenstern
und man kann sich in eine warme Decke kuscheln.

Ein Buch lesen,
einen Film gucken,
mit der Familie einen Apfelkuchen backen,
ein Gedicht lesen.

Die Stimmung wird gemütlicher.

Die Gedanken schweifen Richtung Winter:
Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsgottesdienste, Adventskalender.
Wie wird es dieses Jahr?

Man verbringt mehr Zeit zuhause.
Dekoriert gerade herbstlich und bald schon weihnachtlich.
Lebkuchen, Marzipankartoffeln, Spekulatius in den Läden.

Alles ist wie immer.

Alles ist anders dieses Jahr.

So viel Schönes überall. So viel Schönes kommt.

Es sind die kleinen Dinge, die das Ende des Jahres immer so besonders machen.

Auch in diesem Jahr.

Herbstspaziergänge, bunte Blätter, Sonnenstrahlen, Nebel;
Familie, leckeres Essen, dekorierte Wohnungen;
Lieblingsmusik, Gespräche mit Gott, Lieblingsgedichte.

Die ruhige Jahreszeit genießen.

Es sind die kleinen Dinge.

Auch wenn dieses Jahr alles anders ist, ist doch Vieles wie immer.

Der Herbst

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,
Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,
Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,
Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet
Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet
Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen
Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen

Die Zweig' und Äste durch mit frohem Rauschen
Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebt
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

Autor: Friedrich Hölderlin


 

19. Sonntag nach Trinitatis: Heilung an Leib und Seele

Klaus Meiß
Die Wochenandacht

Der gute Hirte (Stephen Muir auf Pixabay)

Wochenspruch

Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jer 17, 14)

Sonntag

Krankheit zeigt uns unsere Grenzen. Sie macht uns auch bewusst, dass wir unseren Körper nicht unendlich belasten können. Wir müssen uns schützen, nicht nur in Zeiten der Pandemie. Krankheit zeigt uns unsere Grenzen auf und erinnert uns daran, dass wir sterblich sind.

Insofern kann Krankheit auch eine positive Wirkung haben. Sie hilft uns, unsere Ziele neu zu stecken und an unsere Grenzen, die uns von Gott gesetzt sind, anzupassen. Sie gibt uns die Möglichkeit, auszuruhen und uns auf Wesentliches zu besinnen: Wir sollen auf unseren Körper achten und schützen.

Auch die Seele kann nicht unbegrenzt belastet werden. Unsere seelischen Nöte können sich auf unseren Körper auswirken und uns körperlich krank machen. Seelische Krankheiten können uns lähmen. Unsere Seele braucht Phasen der Ruhe und Entspannung. Die Seele baumeln lassen, das ist es, was wir immer wieder brauchen.

Wenn Gott sich uns mit seiner heilenden Kraft zuwendet, dann immer so, dass er beides meint, unseren Leib und unsere Seele. Das Heil, das er uns schenkt, ist vollkommen und lässt nichts aus.

Darum lautet der Wochenspruch, der beim Propheten Jeremia im 17. Kapitel steht: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Beten

Jeremia formuliert hier grundlegende Einsichten zum Beten. Zuerst geht es um das Eingeständnis: Ich schaffe es nicht allein, ich brauche Gottes Hilfe! „Hilf Du mir, so ist mir geholfen!“ Dieser Herr hilft in der Krankheit, er hilft in unserer Schuldverstrickung, er hilft uns in unserem Alltag. Unsere Sehnsucht nach Sinn, Frieden und Gerechtigkeit kann von diesem Herrn gestillt werden. Das gilt für alle Lebenslagen. Ohne Gottes Segen geht es eben nicht.
Dann wendet sich Jeremia an Gott als sein ewiges Gegenüber. Er scheint geradezu krank zu werden in seiner schwierigen Situation als Prophet. Der Kontext zeigt: Keiner fragt mehr nach Gott, alle geben die religiösen Traditionen auf. Aber Jeremia wird in eben diese Situation gesandt, um die Menschen zur Umkehr zu rufen, mit Gott zu konfrontieren. Denn nach biblischer Überzeugung sind die Menschen nicht nur Gottes Geschöpfe, sondern auch sein Ebenbild. Sie sind auf Gemeinschaft mit Gott und ihren Mitmenschen angelegt.

Gott hat diese Welt nicht nur geschaffen, er ist in den Zerbruch dieser Welt getreten und hat zusammengebracht, was zerbrochen und zerstört war. Gott sandte seinen Retter, um Neues zu schaffen. So kommt uns Gott ganz nah. Er schafft nicht nur die Welt als dem Nichts und erhält alles durch seinen Willen, sondern kommt uns in Jesus selber persönlich nahe.

Zum Beten gehört also das Vertrauen in Gottes Gegenwart und Nähe: „Hilf du mir, so ist mir geholfen!“ Gott hört uns, er erhört unsere Bitten. Er ist wie ein Vater, der mit seinen Kindern barmherzig umgeht.
Jeremia hat es selbst erlebt, dass er Gottes Hilfe in seinem Leben gespürt und erfahren hat. Das bewegt ihn, wenn er mitten im Leid bekennt: „Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen“ (Klagelieder 3,22-26).

Der Krieg um Jerusalem hörte nicht einfach auf, die Angreifer entfernten sich nicht, sondern sie eroberten die Stadt und zerstörten den Tempel. Das Volk wandte sich nicht dem Gott Jeremias zu. Es wurde nicht „alles gut“. Aber mitten in dem furchtbaren Erleben von Krieg, Verschleppung und Orientierungslosigkeit formuliert Jeremia diese Sätze des Wochenspruches. Sie können nicht aus der eigenen Gegenwart abgeleitet werden, sondern weisen über die eigene Zeit hinaus auf einen ewigkeitlichen Augenblick. Entgegen den Erlebnissen der Gegenwart erfahren Menschen wie Jeremia Gottes plötzliche und unverfügbare Zuwendung. Daraus entstehen die Klagelieder, die Gottes Treue wider den Augenschein bekennen.

Die Botschaft für uns

Wir werden konfrontiert mit den Schrecken einer Pandemie, die wir noch vor wenigen Jahren für undenkbar gehalten hätten. Nach wenigen Monaten der Zurückhaltung und der Disziplin dachten wir schon, wir hätten es geschafft, Corona wäre besiegt. Aber die aktuellen Fallzahlen zeigen uns, dass dies nicht so ist. Die Hoffnung auf ein schnell entwickeltes Gegenmittel zerplatzt. Wir schaffen das gerade nicht.

Wir alle sind schwach und bedürftig, auch wenn uns das nicht immer klar ist. Deshalb müssen wir umkehren von unserer Selbstüberschätzung eines „Wir schaffen das“. Es braucht nicht nur unsere Disziplin, unsere Rücksichtnahme auf andere. Ein „Wir schaffen das selber“, greift immer zu kurz.

Der Wochenspruch lädt uns ein, mitten in den Risiken der Pandemie unsere Beziehung zu Gott zu suchen und uns seiner Nähe zu vergewissern. Das kann durch ein Innehalten am Morgen und am Abend geschehen. Das führt uns vielleicht zu regelmäßigen Gottesdienstbesuchen zurück. Vielleicht wechseln wir in einen neuen Modus des „Beten und Arbeiten“. Das evangelische Gesangbuch bietet eine Fülle von Anregungen für unser persönliches Leben mit Gott.

Gebet

Herr unser Gott. Wir müssen eingestehen, wie ratlos und machtlos wir uns empfinden angesichts dieser Pandemie. Nun stehen wir vor Dir und suchen Deine Nähe.

Wie Jeremia bitten wir: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Nimm Dich unser an. Stehe den Kranken bei und gib den Ärzten Weisheit.

Schütze die Menschen, die im Gesundheits- und Pflegesektor arbeiten. Bewahre sie vor Ansteckung, schenke ihnen Mut und Kraft.
Schenke den Menschen Einsicht, dass Rücksichtnahme auf andere allen hilft. Zeige uns selbst, wo wir unseren Lebensstil um der anderen Willen verändern müssen.

Lied EG 324 Ich singe dir mit Herz und Mund

1 Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst.
2 Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.
3 Was sind wir doch? Was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd?
4 Wer hat das schöne Himmelszelt hoch über uns gesetzt? Wer ist es, der uns unser Feld mit Tau und Regen netzt?
6 Wer gibt uns Leben und Geblüt? Wer hält mit seiner Hand den güldnen, werten, edlen Fried in unserm Vaterland?
7 Ach Herr, mein Gott, das kommt von dir, du, du musst alles tun, du hältst die Wach an unsrer Tür und lässt uns sicher ruhn.
8 Du nährest uns von Jahr zu Jahr, bleibst immer gut und treu und stehst uns, wenn wir in Gefahr geraten, treulich bei.
11 Du zählst, wie oft ein Christe wein und was sein Kummer sei; kein Zähr und Tränlein ist so klein, du hebst und legst es bei.
12 Du füllst des Lebens Mangel aus mit dem, was ewig steht, und führst uns in des Himmels Haus, wenn uns die Erd entgeht.
13 Wohlauf, mein Herze, sing und spring und habe guten Mut! Dein Gott, der Ursprung aller Ding, ist selbst und bleibt dein Gut.

CCLI-Liednummer 4337788 Johann Crüger | Paul Gerhardt, CCLI-Lizenznummer 1874272

 


 

Einige Gedanken zur Güte

Zu meinem letzten Geburtstag bekam ich ein kleines Büchlein geschenkt. Es trägt den Titel „Herzlichen Glückwunsch übrigens“ und stammt von dem amerikanischen Autor George Saunders. Das Büchlein enthält eine Rede, die Saunders im Jahre 2013 als Abschlussrede vor Studenten der Universität Syracuse gehalten hat. Sie wurde übers Internet geteilt und innerhalb weniger Tage von mehr als einer Millionen Menschen gelesen. Auf dem Buchrücken stehen tatsächlich die nachfolgenden Worte: „Was auf diesen Seiten steht, erklärt, worauf es im Leben wirklich ankommt.“ Das macht natürlich neugierig!

Ich kannte den Autor George Saunders vorher nicht. Er ist 61 Jahre alt, von Beruf Hochschullehrer (er lehrt kreatives Schreiben) und Schriftsteller. In den Vereinigten Staaten gilt er als einer der besten Autoren von Kurzgeschichten der Gegenwart. Seine mehrfach ausgezeichneten Kurzgeschichten erscheinen z. B. in Zeitschriften wie The New Yorker oder Harper‘s Magazine.

Worum geht es in seiner Rede? Es geht um Güte (Untertitel: „Ein paar Gedanken zur Güte“) und auch darum, dass Saunders am meisten in seinem Leben bereut, nicht gütig gewesen zu sein. Landläufig versteht man unter Güte eine freundlich-nachsichtige Einstellung gegenüber jemandem. Eine Gelassenheit im Umgang mit anderen Menschen, die sie so sein lässt, wie sie nun einmal sind. Sie nicht ändern will. Und dies sendet ein Signal an die Menschen: „Im Umgang mit mir musst Du Dich nicht verbiegen. Ich nehme Dich, wie Du bist.“ Diese Eigenschaft müsste daher eigentlich in einer Zeit, die eher auf Äußerlichkeiten Wert legt, eine besondere Strahlkraft besitzen. Und doch scheint Güte ein eher aus der Mode gekommener Begriff zu sein. Wer spricht heute noch von einem Menschen, der Güte ausstrahlt? Am ehesten geschieht dies vielleicht noch im Zusammenhang mit sehr alten, gelassenen Menschen.

Die Bibel hält Güte für eine wesentliche Eigenschaft des Menschen. So sagt Jesus: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“ (Matthäus-Evangelium 11, 29). Und Paulus schreibt im Brief an die Galater: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“ (Brief an die Galater 5, 22).

Diese Gelassenheit im Umgang mit anderen Menschen ist uns allen zu wünschen, weil sie letztlich vieles einfacher macht und unser Leben und das Leben der anderen durch Begegnungen, die so möglich sind, bereichert. Dies gilt ganz besonders in fordernden Zeiten wie den gegenwärtigen. Gerade weil Begegnungen so viel mühsamer sind und Masken zwar einerseits schützen, aber andererseits unser Minenspiel teilweise verdecken. Hier bedarf es des wohlwollenden Blicks auf die Mitmenschen, auch wenn man ihre Absichten nicht immer klar erkennen kann.
Güte brauchen wir aber auch in besonderem Maße uns selbst gegenüber. Denn wer ist nicht häufig gerade sich selbst gegenüber streng? Und bewertet Fehler bei sich selbst viel unnachgiebiger als bei anderen?

Zum Schluss möchte ich George Saunders zitieren, der den Studenten zuruft: „Seid euch selbst ein guter, aktiver, durchaus auch etwas verzweifelter Patient – widmet den Rest eures Lebens der Suche nach der wirksamsten Medizin gegen Egoismus. Findet heraus, was euch gütiger macht, wie ihr euch öffnen könnt und was euer liebevollstes, großzügigstes und unerschrockenstes Ich zum Vorschein bringt – und strebt danach, als wäre alles andere egal.
Denn tatsächlich ist alles andere egal.“

Andreas Rein


 

Andacht im September

Tauferinnerung

Ich bin getauft auf deinen Namen,
Gott Vater Sohn und heilger Geist;
Ich bin gezählt zu deinem Samen,
zum Volk, das dir geheiligt heißt.
Ich bin in Christus eingesenkt,
ich bin mit seinem Geist beschenkt.

Von Martin Luther wird überliefert: Wenn er in persönlichen Schwierigkeiten oder Nöten war, dann habe er mit dem Finger auf die Tischplatte geschrieben: „Ich bin getauft!“
Das hat ihm wieder Trost und Mut gegeben.
Wann denken wir eigentlich an unsere Taufe? Vielleicht, wenn wir im Gottesdienst eine Taufe miterleben. Und der Text aus dem 28. Kapitel des Matthäusevangeliums, der vom Taufbefehl spricht, ist den meisten sicher auch bekannt:

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.
17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes
20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Zu unserem Leben mit Gott gehört die Taufe. Sie steht am Anfang unseres Lebens oder eines Lebensabschnitts, z.B. der Konfirmation.
Aber die Taufe ist nicht nur ein formaler Aufnahmeakt in unsere Kirche. Nein. In der Taufe geschieht die Begegnung mit Gott.
Taufe bedeutet: Gott sagt „ja“ zu mir.
Er stellt sich in der Taufe mir zur Seite.
In der Taufe widerfährt dem Täufling das, was schon der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes dem Volk Israel zusagt:

Ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

 

Gott hat uns erkannt, und er hat uns erlöst. Erlöst aus den Zwängen und Strukturen dieser Welt, ehe wir sie selbst bewusst an uns erfahren haben. Gott weiß, wie es um uns steht. Deshalb begegnet er uns und will uns nahe sein. Wir brauchen die Sicherheit, zu jemandem zu gehören. Und das geschieht in und mit der Taufe. Wir sind Gottes Kinder!

Gott schenkt uns mit der Taufe seine Zuneigung. Das Fundament unseres Lebens hat er gelegt, seinen Geist in unsere Herzen gepflanzt. Nun liegt es an uns, ob wir seinen Ruf hören wollen.
Die 11 Jünger taten es damals. Sie setzten sich in Bewegung. Sie hatten die Anfeindungen miterlebt, denen Jesus und sie ausgesetzt waren, hatten seinen schrecklichen Tod am Kreuz erlebt, aber auch seine ganz andere Lebendigkeit nach seiner Auferstehung. Mit zwiespältigen Gefühlen machen sie sich nun auf, zurück nach Galiläa, wo sie hergekommen waren, zurück in ihren Alltag. Was würde sie nun dort erwarten?
Jesus enttäuscht die Jünger nicht. Denn sie finden den Auferstandenen in ihrem Alltag ganz neu. Nicht als den alten Bekannten, sondern Jesus tritt in ihr Leben in ganz anderer Weise: Die Jünger leben von nun an in der Gewissheit, dass er da ist, auch in ihrer veränderten Welt, auch wenn er nicht leiblich anwesend ist.

Die Jünger sind aber auch Menschen, die zweifeln, wie auch wir so manches Mal zweifeln. Die Jünger sind keine Helden, so wie auch wir keine sind.

„Ich bin getauft!“ hat Martin Luther mit dem Finger auf die Tischplatte geschrieben, wenn er zweifelte oder verzweifelt war.

Diese Erinnerung an unsere Taufe kann auch uns helfen, aus unseren Zweifeln und Ängsten herauszutreten.
Jeder einzelne von uns und wir als Kirche und Gemeinde stehen manchmal vor Aufgaben, die uns unlösbar escheinen.
Wie die zweifelnden Jünger, die dort auf dem Berg stehen.
Wie werden wir mit dem veränderten Leben in der Pandemie fertig, mit den Einschränkungen, der Einsamkeit? Wie lange wird das noch so gehen?
Wie schaffe ich die Schule, meine Ausbildung, mein Studium, werden sich junge Menschen fragen...

Was sagt Jesus zu seinen Jüngern?
„Geht hinaus in alle Welt...“!

Aber so wie Jesus seine Jünger nicht in ihren Zweifeln zurückließ, so lässt er auch uns nicht allein.
Er sagt uns zu: Ihr seid angenommen!
„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

„Ich bin getauft!“, so schrieb es Martin Luther.

Und der Prophet Jesaja hat es so ausgedrückt:

„Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

Gott
Wasser ist etwas Köstliches
Es macht frisch und jung, wenn wir verschwitzt sind
Es macht sauber und rein, wenn wir schmutzig sind
Es labt uns, wenn wir Durst haben
Wasser ist etwas Köstliches

Im Wasser ist Leben
Ohne Wasser verwelken die Blumen
Ohne Wasser sterben die Keime
Ohne Wasser verschmachten Menschen und Tiere
Im Wasser ist Leben

Wasser ist wie Du, Gott
Köstlich und lebendig
Durch Wasser rettest du Menschen
Durch Wasser hast du Noah und seine Familie gerettet
Mose und sein Volk

Dein Sohn Jesus Christus ist köstliches Wasser
Er macht unser Herz jung und frisch, rein und sauber
In ihm leben wir auf
Durch ihn sind wir gerettet
Geist Gottes
Du ruhst auf dem Wasser
Es gibt Kraft und lässt uns werden
zum lebendigen Wasser

nach Anton Rotzetter

Cappel, im September 2020
Margrit Walter


 

Beginne jeden Tag wie ein neues Leben

Andacht zum Mitnehmen für den 13. September

Dieser Satz von Tomas Sjödin, einem schwedischen Pastor, gefällt mir. Vom Neuanfang ist hier immer wieder die Rede. Da bringe ich aus den Erfahrungen des letzten Tages das Gute mit und das, was mir nicht so gut gelungen ist, darf ich neu versuchen.

Neues Leben heißt dann auch, dass nichts festgeschrieben ist, dass mir Erkenntnisse geschenkt werden, die meine Wahrnehmung und damit auch mich verändern. So wird Leben zu einem Prozess, in dem ich mich entwickeln darf.

„All Morgen ist ganz frisch und neu ...“ - dieses alte Lied aus dem 16. Jahrhundert kommt mir dabei in den Kopf.

Sind Sie ein „Morgenmensch“? Erleben Sie ab und zu oder meistens den beginnenden Tag noch in der Stille der Morgendämmerung, wenn die Vögel, einer nach dem anderen, anfangen, ihr Lied zu singen? Wenn der Tag wie ein unbeschriebenes Blatt, frisch und sauber vor  uns liegt? Oder ist dieses Blatt schon voll mit Sorgen, mit Ängsten, mit Schmerzen beschrieben?

Jetzt in den Sommermonaten fällt es uns leichter, das Fenster weit zu öffnen und die Frische eines neuen Tages tief einzuatmen.

Ein Tagesbeginn ist auch immer ein Sieg der Helligkeit über die Dunkelheit der Nacht. Das kann Kräfte wecken, tröstlich und inspirierend sein. Ich nehme mir die Zeit, jeden Tag ein Morgenritual zu gestalten. Dazu lese ich einen kleinen Text aus der Bibel, meistens von Jörg Zink, der die Bibeltexte in einer für unsere heutige Zeit sehr verständlichen Weise erzählt. Mit dieser Inspiration frage ich mich dann: „Was wird mich heute erwarten?“

Ich will diesen neuen Tag nicht in der Routine vieler kleiner Gewohnheiten „verschleudern“, sondern bewusst und aufmerksam durch den Tag gehen, diesen neuen Tag so gut ich kann gestalten, Möglichkeiten erkennen, wo ich Anderen Licht, Hoffnung und Mut zusprechen kann, oder dieses auch von anderen erfahre.

Das folgende Gebet von Jörg Zink will uns Mut machen für jeden neuen Tag.

Beginne jeden Tag wie ein neues Leben

Dazu gibt es eine kleine Geschichte:

In einem kleinen Dorf, irgendwo im Land, lebte ein alter, weiser Mann. Er war 90 Jahre alt geworden und sah zufrieden und glücklich aus. Da sagte einer zu ihm: „So ein schönes langes Leben! So viele Jahre lebst du schon!“ Der Alte antwortete: „Du lebst immer nur einen Tag“. Das hatte ihn das Leben gelehrt (Phil Bosmans).

Und so können wir sicher sein, die Dunkelheit der Nacht löst sich immer wieder in die Helligkeit eines neuen Tages auf, den wir mit Gottes Hilfe neu gestalten und erleben dürfen.

All Morgen ist ganz frisch und neu,
des Herren Gnad‘ und große Treu‘;
sie hat kein End‘ den langen Tag,
drauf jedes sich verlassen mag.

Singen Sie doch einmal dieses uralte Lied aus dem 16. Jahrhundert mit. Es steht im Evangelischen Gesangbuch S. 440.

Erika Berger, Bortshausen


 

Gedanken zum Sonntag

Wenn das Leben stürmisch wird

Die Segel sind gesetzt, der Wind ist günstig und alle sind an Bord.
„Kommt, lasst uns zum anderen Ufer fahren“ hat Jesus gesagt. Und so rudern sie los, Jesus und seine Jünger. Jesus, müde vom Tag, legt sich zum Schlafen hinten im Boot auf einem Sitzkissen nieder. Die Jünger rudern. Auf halber Strecke schlägt das Wetter um. Ein Sturm zieht auf und die Wellen schlagen immer höher. Mit ganzer Kraft versuchen die erfahrenen Seeleute das Boot vor dem Umkippen zu bewahren. Hartnäckig aber schlägt der Sturm das Wasser ins Boot. Es droht zu kentern. Die sturmerfahrenen Fischer packt die Angst.

Und was tut Jesus?

Jesus schläft. Mitten im Sturm. Als die Jünger am Ende ihrer Kräfte und Weisheit sind, wecken sie Jesus auf. „Wir gehen unter! Kümmert dich das denn gar nicht?“ fragen sie ihn. Jesus steht auf, spricht ein Machtwort zu dem Sturm und befiehlt dem tobenden See: „Schweig! Sei still!“ Der Sturm legt sich und es wird still. „Warum habt ihr solche Angst?“, fragt Jesus. „Habt ihr denn immer noch kein Vertrauen?“

Wenn das Leben stürmisch wird

Manchmal bricht ein Sturm ganz überraschend in unser Leben: Eine unerwartete Diagnose vom Arzt, nicht geplante Reparaturkosten, ein nicht zu bewältigendes Arbeitspensum. Wir tun alles menschen-mögliche, um den Kopf über Wasser zu halten und nicht unter-zugehen. Aber es reicht nicht. Wir kommen an unsere Grenzen. Und dann beginnt der Sturm um uns herum auch tief in uns zu toben und wir wissen nicht mehr ein noch aus.

Was tun?

Wo ist Gott wenn man ihn braucht, mag man sich manchmal fragen. Auch mitten in unserem Sturm scheint Jesus seelenruhig zu schlafen. Wir fühlen uns alleine gelassen, zweifeln vielleicht auch an Gottes Liebe für uns. Warum hat er den Sturm überhaupt zu-gelassen? Es wäre doch ein Leichtes für ihn, uns vor allem Unglück zu bewahren.

Jesus ist mitten in den Stürmen unseres Lebens.

Jesus lässt uns nicht im Stich. Wenn wir uns ihm zuwenden, zu ihm beten, mit ihm sprechen, ist er hellwach. Er hört uns zu und kommt uns zu Hilfe. Wir brauchen keine Angst haben. Angst ist Zweifel an Gottes Liebe. Auch die Jünger haben and Gottes Liebe gezweifelt: „Wir gehen unter. Kümmert dich das gar nicht?“

Warum scheint Jesus manchmal zu schlafen?

Wir sind Jesus nicht egal. Er weiß, was er tut. Genau wie den Jüngern, hat er auch uns alles gegeben, damit wir unversehrt durch den Sturm kommen. Nur geben auch wir das Ruder unseres Lebens ungern aus der Hand. Wir verlassen uns erst einmal auf unsere eigene Kraft und Fähigkeiten.

Die Rettung im Sturm

Der Allmächtige Gott ist stärker als jeder Sturm. Gott hat alles unter Kontrolle. Er stellt uns alles zur Verfügung, damit wir gut durchs Leben kommen. Manchmal vergessen wir das. Genau wie die Jünger, erinnern wir uns nicht an das, was Gott uns zugesagt hat. Jesus selbst hatte gesagt, lasst uns zum anderen Ufer fahren. Und was Jesus sagt, erfüllt sich. Auf sein Wort kann man sich verlassen.

Sein Wort

Was hat Gott Dir versprochen? Ich gebe Dir Frieden. Ich bin Deine Stärke. Bittet und ich gebe euch Weisheit. Ich verlasse Dich nicht. Es gibt tausende Verheißungen in der Bibel. Gott hat für jede Situation vorgesorgt. Hole ihn ins Boot. Gemeinsam mit ihm lässt sich jeder Sturm stillen.

Verheißungen Gottes:

Aber alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen. (Jesaja 40,31)

Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten werden auf allen deinen Wegen. (Psalm 91,11)

Er heilt die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. (Psalm 147,3)

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (Psalm 23,1)

Sorgt euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden. Und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus! (Philipper 4,6-7)

Wir dürfen uns darauf verlassen, dass Gott unser Beten erhört, wenn wir ihn um etwas bitten, was seinem Willen entspricht. Und weil Gott solche Gebete ganz gewiss erhört, dürfen wir auch darauf vertrauen, dass er uns gibt, worum wir ihn bitten. (1. Johannes 5, 13-14)

Ich singe dir mit Herz und Mund

Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.

Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.

Was sind wir doch? Was haben wir
auf dieser ganzen Erd,
das uns, o Vater, nicht von dir
allein gegeben werd?

Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.

Wohlauf, mein Herze, sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.

Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil,
dein Glanz und Freudenlicht,
dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil,
schafft Rat und lässt dich nicht.

Einen gesegneten Sonntag
Hanna Fett


 

Glaube, Hoffnung, Zuversicht

Die Redensart „Glaube kann Berge versetzen“ kann durchaus ernst genommen werden. Denn ein fester Glaube und festes Vertrauen, mit dem Wissen getragen zu werden und nicht allein zu sein, können hilfreich sein, schwierige Situationen zu überwinden.
So setze ich meinen Glauben auch aktuell bei der Corona-Pandemie ein.
Dies lässt mich trotz der vielen Einschränkungen positiv in die Zukunft blicken und hoffen.
Hoffnung auf mehr Nachhaltigkeit, weniger Luftverschmutzung, weniger Reisen, weniger Fleischverzehr, bewussterer Umgang mit Gottes Schöpfung, überwiegend junge Menschen die sich für Klima und Umwelt auf die Straße begeben.
Aus Fehlern zu lernen und Dinge besser machen zu wollen.

Weitere Hoffnung habe ich durch Freude auf die laufende Ernte von Gemüse, Getreide und Früchten.

Blumen und Blütenbracht, Gottesdienste und Übungsstunden des Posaunenchors an frischer Luft zeigen Lebendigkeit und geben mir Zuversicht.

Zuversicht auch im Umgang untereinander, Hilfe anbieten, teilen, abgeben, Dinge zu verschenken - stehen auf dem Bürgersteig, für andere einkaufen gehen, anrufen, um zu erfahren wie es der/dem Anderen geht, zuhören, Kontakt halten, für einander da zu sein, wenn auch mit etwas mehr Abstand.
Aber in der Gewissheit, Gemeinsam ist man nicht allein.

Dieses wieder entdeckte Miteinander wünsche ich mir auch dauerhaft. Fröhlich und respektvoll aufeinander zu achten.

Glaube, Hoffnung, Zuversicht.

Dietrich Bonhoeffer hat es in seinen Zeilen von guten Mächten wunderbar zusammengefasst:

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Peter Hesse, Cappel


 

Voll - Wert

Andacht zum Mitnehmen
Im Kirchspiel Cappel-Beltershausen für den 6. Sonntag nach Trinitatis am 19.07.2020

WERT – Was ist das?

Wenn ich das Wort Wert höre, denke ich an Geld, an den Wert eines Hauses, oder eines Autos, an Wertanlagen oder die Bank. Mir fällt auf, dass ich manchmal erst, wenn mir etwas fehlt, merke, welchen Wert es für mich hat. Z.B. wenn ich vor meiner Haustür stehe und meinen Schlüssel nicht finde. Dann merke ich, wie viel Wert mein Schlüssel für mich hat. Auch wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich gerne habe - mit meiner Familie oder meinen Freunden - merke ich oft erst wenn ich wieder zu Hause bin, wie viel Wert diese Menschen für mich haben.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, hat das Wort WERT für mich auch noch eine innere Dimension. Wie oft beschäftigt mich die Frage: Was macht meinen Wert aus? Mein Aussehen? Meine sportlichen Leistungen? Meine musikalischen, mathematischen, künstlerischen Fähigkeiten? Disziplin? Besser zu sein als die Anderen? Anerkennung zu bekommen? - Was steht bei Ihnen an dieser Stelle?

Was passiert, wenn ich Dinge, über die ich mich definiere, auf einmal nicht mehr kann? Vielleicht weil ich mich verletzt habe und nicht mehr laufen kann oder weil mir Schwieriges begegnet ist und mir Kraft raubt. Weil jemand anderes gekommen ist, der es besser kann oder weil sich mein Umfeld geändert hat und ich mich noch darauf einstellen muss. Weil es mir schwerfällt, mich auf Veränderungen einzulassen. Was passiert dann mit mir?

Ich bin dann ziemlich aufgeschmissen. Die Dinge, die mir scheinbar Wert geben, sind nicht mehr sicher. Das beginnt schon wenn ich mein Handy verlege. „Ich kann niemanden mehr anrufen, keine Nachrichten mehr empfangen und keine Dinge mehr nachschauen“. Schon diese kleinen Dinge verunsichern mich und bringen meine Sicherheiten ins Wanken und damit auch meinen eigenen Wert. Wenn sich große Dinge verändern, Menschen aus meinem Leben treten, meine Arbeitsstelle wegfällt oder sich ändert, dann wird die Unsicherheit deutlich größer und mein Wert schwankt stärker.

Wenn man an das Wort WERT noch das Wort VOLL anfügt, entsteht das Wort WERTVOLL.

Wenn ich über das Wort VOLL nachdenke, denke ich an ein volles Wasserglas, an einen Tag voll mit Freude, an genug und zufrieden sein. Ich denke an die Natur, die so voller Wunder ist. Gerade hier begegnet mir das Wort VOLL besonders oft. Es weckt meistens angenehme Gefühle in mir: es ist voller WERT.

Gott sagt über uns Menschen, dass wir WERTVOLL sind. Wir sind wertvoll für ihn. Voll, ganz voll mit Wert. Voll mit etwas von dem wir so oft denken, wir haben es nicht? Wir SIND voll Wert. Wir müssen nicht erst etwas erreichen, besser, schneller oder effektiver werden. Wir verlieren unseren Wert nicht, wenn wir unsere Arbeitsstelle, unsere Freunde, unsere Fähigkeiten verlieren. Nein, nichts macht uns wertvoll. Wir sind wertvoll, so wie wir gemacht sind. Auch wenn ich mich nicht immer so fühle, in Gottes Augen ist unser Leben wertvoll. Sichtbar wird das für mich in der Geschichte vom verlorenen Schaf in Lukas 15,4-7. Das Leben des Schafs ist für Gott so wertvoll, dass er alle anderen zurücklässt und es suchen geht.

Sie und ich - wir sind wertvoll. Einfach weil wir sind.

Lily Schunk Gemeindepraktikantin im Juli


Glaube schützt - wie eine Sonnenbrille

Andacht zum Mitnehmen
im Kirchenspiel Cappel-Beltershausen für Anfang Juli 2020

Schwer genießbar

Wir Fleißigen, Streng-Erzogenen, Ernsten, wir wollen immer alles richtig machen und es gleich erledigen. Löblich. Aber der Nachteil: Das macht uns für unsere Mitmenschen manchmal schwer genießbar und für uns selbst das Leben anstrengend. Deshalb ein Tipp: …

Brille auf!

Sie gehören nicht zu den Fleißig-Streng-Erzogenen? Haben Sie aber vielleicht ähnliche Seiten hier und da in sich? Jedenfalls – ich möchte allen, für die es passt, eine Brille empfehlen, so wie man sich im Hochsommer einer Sonnenbrille bedient. Die filtert zu grelle Lichtstrahlen heraus. Der Glaube, sozusagen aufgesetzt wie eine Brille, filtert eine Zumutung heraus:

Die Zumutung, dass wir uns unser Glück selber verdienen müssen.

Ulrike lässt es sich gut gehen

Ulrike geht noch mal zurück um Auto. Das Licht ist heute so hell! Dauernd muss sie die Augen zusammenkneifen. Ihre Gesichtsmuskeln sind schon ganz verkrampft. Da braucht sie ihre Sonnenbrille. Nun kramt sie im Auto; hier, Seitentür, da ist sie. Sauber? Na, mag gehen. Klack, die Schlösser schnappen zum, sie macht sich wieder auf den Weg. Schön, die paar Meter Pfad mit dem grauen Basaltsplitt. Unter ihren Sohlen knirscht er leise. Sie liebt diese schmalen, kleinen Wege, und wenn sie sich schlängeln, statt nur geradeaus zu führen. Noch ein Stückchen zu gehen und sie hat die grüne Bank wieder erreicht. Nun lässt sie sich darauf nieder.

Schöner Ausblick! Links der Frauenberg mit seinem runden Küppel, hellgrau schließen sich die Lahnberge an, kleine weiße Quader zwischen den Bäumen lugen hervor, das sind die Gebäude der Universität. Noch weiter drüben ragt der Turm des Heizwerkes auf. Davor strecken sich die Felder rund um Großseelheim; blond neben dem Grün, das sind die Gerstenfelder; wie dunkle Augen liegen dazwischen die Baggerseen um Niederwald. Jetzt kann sie entspannt auf das alles schauen.

Ha! - Ulrike zuckt, ein Schatten springt über sie, über die Büsche. Ruck, wendet sie den Kopf nach oben: ein Segelflieger. Ach so. Kein Grund, zu erschrecken. Der dreht jetzt eine scharfe Kurve, hell gleißend fällt von den Flügelkanten das gespiegelte Sonnenlicht zurück. Dann verschwindet er hinter ihrem Rücken. Sie wendet den Blick wieder nach vorn, schweift,